Für Daniel Tammet

 

Wie, o Zahl, o holde, wunderbar du glänzt.

Darob ich stehe staunend, demütigst.

Trachte inniglich, das zu – AHA! – verstehn.

Dich Ziffer um Ziffer,

Dich gar nie Gezähmte

nur zu haschen.

 

Rezitiert rasch Pi,

Zählende Zauberer, hier!

O Buchstaben, Stellen. O Zahlen.

Dschungel nur Dschungel.

Nirgendwo ein Ausgang.

Nützt Kettenbruchrechnung?

Kreis umfangen?

Du musterlos endlose Zahl!

 

Nachkomma: Komm Herr Euler, Schätzung!

Ja, der Professor rechnet fleissig.

O Formel, hilf fassen,

Wo Näherung falsch.

Da herrscht gefeierte Kreiszahl.

Immerdar gülden, so glänzend!

Sie nagt regellos am Wesen der Form.

Eh fortgesetzt endlose Reihen.

Beweise: unendlich.

 

Und jetzt die Übersetzung:

3,141592653589793238462643383279502884197169399375 1958209749445923978164062862089986280348253421170679

 

Das waren die ersten 100 Nachkommastellen von Pi,

von dieser Zahl, die ihr bestimmt alle kennt, die in der Natur überall zu finden ist. Überall Wellen, Kreise und Kugeln, soweit das Auge reicht, von Licht und Pupillen bis zum Schwarzen Loch.

Überall Pi, Pi und nochmal Pi.

Man sagt, Mathematik sei die Sprache der Natur.

Und das klingt gut.

Aber wenn man sich Pi so anschaut, fragt man sich schon, ob es nicht vielleicht noch eine einfachere Sprache gäbe. So gopfridstutz kompliziert ist sie, die Zahl Pi, so irrational und rundum zufällig.

Wäre Pi einfach nur 3, oder durch einen Bruch auszudrücken oder sonstwie in eine elegante Form zu packen, schön und gut.

So aber bleibt uns Physikern nichts anderes übrig, als aus ihr einfach ein Symbol zu machen, ihr ein Label zu verpassen: Zack, du heisst jetzt Pi, und das Symbol wird dann durch alle Rechnungen mitgeschleppt. In jeder physikalischen Konstante steckt sie, das Biest Pi, und tut scheinheilig einfach, dabei ist sie eben 3,141 usw. ins Unendliche.  Schnell rauskürzen, sobald es geht, ist da meine Devise.

Überhaupt ist das ja einer der beliebtesten Tricks von Physikern, um sich die Natur irgendwie gerade zu biegen: Etwas sehr Kompliziertem einfach ein Zettelchen anzuhängen und dann damit weiterzumachen. Und das Rezept ist erfolgreich, das geb ich zu. Bloss Zahlen im eigentlichen Sinn kommen da dann keine mehr vor, da sind nur Symbole um Symbole, ineinander geschachtelt. Hat man mal ein Resultat, und will dann den numerischen Wert herausfinden, muss man all das Symbolisierte wieder mühsam aufdröseln, die Werte einsetzten und rechnen rechnen rechnen.....bis schliesslich irgendwann eine Zahl dasteht.

Und dann kommt der Reality Check. Weil da muss man in der Physik ja schon verdammt aufpassen, am Ende muss etwas rauskommen was da ist. Was man beobachten kann. Das muss gelten in Zürich wie in Kopenhagen.

Und oft macht es das auch.

Oft aber auch nicht. Da steht dann am Ende der ganzen Mühe plötzlich Unendlich und man fragt sich: Huch, wie ist das denn da hingekommen. Das kann ich euch sagen: Alles fängt damit an, dass man Symbole auf Dinge pfropft, die man nicht richtig versteht. Wie eben Pi.

Nun gibt es natürlich Massen von Menschen, die die Zahl Pi gerade deswegen lieben, ja geradezu verehren, weil sie so kompliziert ist. Sie ist mystisch, mag manch einer sagen, zu hoch für unsere armseligen Geister.

Wieder andere haben damit einfach ihren Spass. Mein Geburtsdatum zum Beispiel steht an der 30,621,357 Nachkommastelle. Eures ist sicher auch irgendwo. Pi hat sie alle.

Ein gefundenes Fressen ist Pi natürlich auch für Gedächtniskünstler: Mit ihren unendlich vielen Nachkommastellen ohne Muster ist sie die ideale Spielwiese für jeden, der dem Sport des Zahlen-Lernens frönen will. Offiziell liegt der Rekord bei 67'890 Stellen nach dem Komma. Der Chinese Chao Lu soll sie laut Guinessbuch in 24 Stunden und 4 Minuten aufgesagt haben. Würde er alle bekannten Stellen von Pi aufsagen wollen – es sind im Moment so etwa 1,2 Billionen - würde er dafür also grob 100 Millionen Jahre brauchen. Bei gleichem Tempo. Wobei anzunehmen ist, dass er irgendwann langsamer würde.

Um Pi auswendig zu lernen, gibt es verschiedene Tricks, wie zum Beispiel das besonders beliebte Piem: Ein Gedicht, in dem die Anzahl Buchstaben eines Wortes die jeweilige Ziffer (oder auch zwei Ziffern) ergibt.

Also:

 

Wie, o Zahl, o holde, wunderbar du glänzt.

3,1 4 1 5 9 2 6

 

Man merkt sofort: Jede Eins schlägt sich auf Deutsch als hilflos-euphorischer Ausruf nieder: A! O!

Da hat man es auf Englisch mit I schon leichter. Zum Beispiel so:

 

Pie

I wish I could determine pi, Eureka cried the great inventor, christmas pudding christmas pie, is the problems very centre.

 

Statt auf alberne Verschen zu setzen, stellen manche sich Pi auch farbig vor. Zum Beispiel Daniel Tammet, ein Brite, für den Zahlen schon seit Geburt Form und Farbe haben, wie etwa spitzig und blau. Das macht es natürlich leichter, Pi auswendig aufzusagen. Bis 22'514 hat er es schon geschafft und soll damit sein Publikum zu Tränen gerührt haben.

Das freut wiederum die „Freunde der Zahl Pi“.

Sie glauben nämlich daran, dass die Welt durch das Rezitieren von Pi offener, harmonischer, schöner, bunter, toleranter, friedvoller und allgemein besser wird. So steht es auf ihrer Website. Und das ist sogar irgendwie logisch, weil: Dann wären alle damit beschäftigt, auswendig zu lernen, und hätten keine Zeit für Streit.

Zum Schluss mögt ihr euch fragen: Wieso ich euch all das über Pi erzähle und nicht über e, die Eulersche Zahl, deren Entdecker doch dieses Jahr so schön 300. Geburtstag feiert? Das wäre doch ein idealer Aufhänger gewesen, um es journalistisch zu sagen.

Und ja, sicher, das stimmt. Aber erstens schreibe ich für die NZZ, da muss nicht immer ein Aufhänger her.

Und zweitens hat ein Freund von mir einmal bemerkt hat: E ist wie die Neue Welt, wie Amerika, und Pi wie Europa, so altbekannt aus Griechenhand Und das war mir schon immer lieber.

Damit schliesse ich und leite über zum Kaffee, oder anders gesagt:

May I have a large container of coffee?

Thank you!