Liebe Anwesende!

Wir sind heute zusammengekommen, um den kurzen Prozess unter die Lupe zu nehmen: Von vorne, von hinten, von oben, von unten, aus den verschiedensten Blickwinkeln haben wir uns bereit erklärt, dem kurzen Prozess auf die Schliche zu kommen. Nicht kurzen Prozess wollen wir machen, nein, sondern den kurzen Prozess einem langen Prozedere unterziehen. Nicht vorschnell urteilen wollen wir, nein: zahlreiche Denk- und Schreibstunden im Voraus, ein Wochenende dann, dreissig Gäste, sechs Reden, fünf kulinarische Gänge, ein Spaziergang, und zahlreiche Träume danach... f ü r e i n e n k u r z e n P r o z e s s !

Wer wollte da noch von einem kurzen Prozess sprechen? Von einem Kurzen Prozess... Halt, Vorsicht, bitte etwas Genauigkeit: Ein kurzer Prozess? Oder ein Kurzer Prozess? Schauen wir uns dies etwas genauer an: Die Frage, der ich in den nächsten zehn Minuten meine Aufmerksamkeit schenken möchte, lautet schlicht und einfach: Was ist der Unterschied zwischen „kurzer Prozess“ und „kurzer Prozess“? – Sie denken jetzt vielleicht, dass sie sich verhört haben müssen oder dass mir beim Vortrag in Folge der Nervosität, die ja gerade für den Anfang einer Rede nichts Ungewöhnliches ist, bereits ein Versprecher unterlaufen ist und ich versehentlich zweimal dasselbe Wort verwendet habe. Ich kann Sie und mich beruhigen, niemand von uns war unachtsam. Mich beunruhigt tatsächlich die Frage, ob es „kurzer Prozess“ oder „kurzer Prozess“ heisst. Vielleicht gelingt es mir, Sie ebenfalls für diese Frage zu gewinnen, wenn ich die beiden „kurzen Prozesse“ mit unterschiedlicher Emphase ausspreche: Heisst es „kurzer Prozess“ (mit einer kurzen Pause und der Betonung auf ‚Prozess’) oder „Kurzer Prozess“ (ohne Pause und alles betont)?

Jetzt werden Sie vielleicht denken, dass dies einfach zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind, da sie sich durch Betonung wunderbar unterscheiden lassen! Ich möchte Sie jedoch davor warnen, sich vorschnell auf sicherem Terrain zu wähnen, es stimmt zwar, c’est le ton qui fait la musique, aber Betonung ist nicht alles! Wörter werden schliesslich nicht nur betont oder nicht betont: Sie stehen auch in einer bestimmten Reihenfolge und sie bedeuten etwas. Nicht Betonung, sondern Syntax und Semantik sollten bei sprachlichen Untersuchungen den Ton angeben. Syntaktisch tut sich nicht viel, denn beide Phrasen beugen sich dem Diktat der Grammatik in derselben Art und Weise: Nominativ, Akkusativ, Singular, Plural – alles ident! Und ebenso für beide gilt, dass der Akkusativ vor dem Nominativ das Rennen macht. Im Archiv der NZZ erzielt die Suche nach „kurzer Prozess“ gerade einmal schlappe 40 Treffer in den letzten 13 Jahren, während der Akkusativ „kurzen Prozess“ stolze 182 Treffer liefert. Aber das ist ganz einfach damit zu erklären, dass ein kurzer Prozess etwas ist, was man mit jemandem macht, und „machen“ verlangt nun einmal eine Akkusativform – es sei denn man macht gar nichts, denn dann fällt es nicht so auf, weil „nichts“ gar nicht flektiert. Das Wort „nichts“ findet man übrigens wie „kurzer Prozess“ nur selten an der Subjektstelle, ausser etwa in Carnaps beliebtestem Heidegger Zitat „das Nichts selbst nichtet“.1 Im Fall von „kurzer Prozess“ können wir mit der Syntax buchstäblich kurzen Prozess machen, denn „kurzer Prozess“ und „Kurzer Prozess“, das ist ja das Problem, sind syntaktisch komplett identisch.

In der Hoffnung, dass die Frage nach der Bedeutung aufschlussreicher ist, komme ich also zur semantischen Funktion von Nomen und Adjektiv: Nomen sind häufig dazu da, einen Gegenstand zu benennen. Wir sehen die Forelle auf unserem Teller und sagen: „Forelle“, wir sehen den Teller unter der Forelle und sagen... auch „Forelle“. Aber das ist eine andere Geschichte! Also: Wir sehen den Wein auf unserem Tisch und sagen „Wein“. So weit so gut. Häufig sind aber Nomen etwas gar allgemeiner Natur, so dass wir nicht umhin kommen, das Nomen etwas aufzupeppen: Aus der einfachen Forelle beispielsweise wird die frische, zarte, mit-einem-Schuss-Sherry-angedünstete, aus dem gewöhnlichen Wein wird der vollmundige, tanningeprägte, mit Brombeer-Note und imAbgang-an-frische-Mango-erinnernde.

Und gerade im Falle des „kurzen Prozesses“ haben wir es ja mit einem ganz besonders allgemeinen Nomen zu tun, denn heute ist ja alles Prozess. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass von Prozessen immer dann die Rede ist, wenn man noch ein bisschen mehr Zeit braucht? Entscheidungsprozesse, Findungsprozesse, Friedensprozesse – „Das geht nicht so schnell... das ist ein schwieriger Prozess“ – wer kennt sie nicht, diese Mischung aus Vorwurf, Entschuldigung und zeiterhaschender Strategie? Da kann ein Adjektiv wie „kurz“ manchmal ganz gelegen kommen, denn wer kurzen Prozess machen will, hat immerhin die Absicht, dass auch einmal ein Kopf rollt. Adjektive sind für den Nomen-Pepp vorzüglich geeignet, aber auch andere sprachliche Möglichkeiten stehen in dessen Dienste: Genitivattribute etwa (zwar häufig etwas verstaubt, aber noch bestens bekannt aus des Kaisers neue Kleider) oder ganze Sätze werden angehängt (sowas wie die Kleider, die der Kaiser neulich getragen hat)... der Möglichkeiten gibt es viele. Aber das braucht uns nicht zu kümmern, denn im Falle des kurzen Prozesses ist diese Entscheidung ja bereits im Vornherein gefallen: So können wir uns kurzerhand aufs Adjektiv konzentrieren. Wie bei jeder Freundschaft kann auch hier das Dazu-Gesellen des Adjektivs verschiedene tiefgründige Ursachen haben. Die Gründe heissen jedoch nicht Liebe, Zuneigung, Scheinehe und dergleichen, sondern Informationsgewinn, Referenzglücken und Begriffsbildung. Die Zusammensetzung "kurzer Prozess“ ist deshalb höchstgradig mehrdeutig. Ich versuche Ihnen das anhand von Beispielen zu erklären.

Erstens kann ein Nomen mit Merkmalen ausgeschmückt werden. So wird aus einem blassen Gegenstand ein schöner, farbiger, duftender Frühlingsblumenstrauss. In derselben Weise kann ein gewöhnlicher Prozess zu einem schönen, farbigen, duftenden kurzen Prozess gemacht werden. Aber weil ein kurzer Prozess in der Regel brutal und ohne Rücksicht auf Verluste ausgeführt wird, ist es unwahrscheinlich, dass zum Ausschmücken viel Zeit bleibt und dass die zusätzliche Information von wirklichem Interesse wäre. Diese Möglichkeit scheidet für den kurzen Prozess also von vornherein gleich wieder aus.

Zweitens kann der Schulterschluss zwischen Nomen und Adjektiv aber auch deshalb zustande kommen, weil sich zu viele Referenten bereitgemacht haben. Das hinzutretende Adjektiv dient dazu, den ‚richtigen’ Referenten zu identifizieren. In diesem Fall übernimmt das Wörtchen „kurz“ nicht die Funktion, den bevorstehenden Prozess möglichst blumig auszuschmücken, sondern die, von allen Prozessen den kurzen auszusuchen. Das leuchtet ein, denn wie gesagt, „alles ist Prozess“, da muss man schon ein bisschen präziser sein!

Nur allzu oft kommt es wegen solchen Ungenauigkeiten zu Missverständnissen, die durch das Hinzufügen von Adjektiven hätten vermieden werden können. „Nicht irgendwelche Rosen, sondern weisse Rosen hättest du bringen sollen!“ A propos Missverständnis: Man sollte die Wirkung eines Adjektivs nicht unterschätzen. Vielleicht hätte die Rede des Papstes weniger Unheil angerichtet, wenn Herr Ratzinger nicht den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos, sondern den sich im Irrtum befindenden byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos, oder einfach den dummen Kaiser Mäni zitiert hätte.

Drittens können Nomen aber auch ergänzt werden, weil kreatives Schöpfertum gefragt ist. Ein neues Wort will erschaffen werden. Die Trockenblume, die Papstrede, der Gelbe Sack (auch das übrigens kein Versprecher: nicht der gelbe Sack, der „Gelbe Sack“ ist der Begriff für die Mülltüte in Deutschland – oder für den geeigneten Aufbewahrungsort der Papstrede). In diesem Fall wird also weder ein Prozess mit bunten Adjektiven ausgeschmückt, noch wird von allen Prozessen der kurze ausgewählt, sondern „Kurzer Prozess“ ist, ob kurz oder lang, ein neuer Begriff, ein Name quasi – wie üblich dann mit hauptsächlich bezeichnender Funktion. Soviel zur Theorie. Machen wir nun die Probe aufs Exempel: „Lassen wir den Richter aussen vor, kürzen wir das Ganze ab, dieser Cowboy gehört gehenkt! Machen wir endlich kurzen Prozess mit ihm!“ In diesem Plädoyer für die Lynchjustiz könnte das Wort „kurzer Prozess“ sowohl im Sinne eines festen Begriffs für abgekürzte Verfahren als auch im Sinne eines zeitlich kurzen Prozesses verwendet worden sein. Für das Opfer spielt dies eine untergeordnete Rolle und es ist zu bezweifeln, dass uns die schauerlichen Gesellen, die zu solch makabren Aufforderungen neigen, darüber in Kenntnis setzen könnten.

Vielleicht gelingt es ja mit einem Griff in die philosophische Trickkiste, zwischen kurzen Prozessen und Kurzen Prozessen zu unterscheiden. Dieses Vorgehen muss ja nicht zwingend wie bei Kant ausgehen, der in der Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft noch vom „Scepticism“ spricht, „der mit der ganzen Metaphysik kurzen Proceß macht“,2 um sich dann einen knapp 1000-Seiten starken Schlagabtausch mit ebendiesem Skeptizismus zu liefern. Das geht auch kürzer: Es hätte uns nämlich eigentlich schon zu Beginn auffallen sollen, dass wir uns auf dem Holzweg befinden, wenn wir zwar konzise, aber doch isoliert nach der Bedeutung des Wörtchens „kurz“ fragen, da wir uns mit diesem Vorgehen sozusagen nicht Wittgensteins Rat beherzigen„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“.3

Für den Gebrauch in der Sprache bleibt heute wohl zu wenig Zeit, doch für den Gebrauch in der Zeitung könnte es reichen. Ein Blick in die Zeitungen verrät, dass das Wort „kurzer Prozess“ vornehmlich in juristischen Kontexten oder in Sportberichterstattungen verwendet wird: „Kurzer Prozess mit Kleinkriminellen“4 zum Beispiel oder „Kurzer Prozess statt Spektakel – Schnellverfahren von Venus Williams in Kloten“5 usw. usf. Unsere kleine Presseschau bestätigte den Verdacht, dass kurze Prozesse aufgrund ihres deskriptiven Gehalts kurz sein müssen. Ob damit aber der deskriptive Gehalt von „kurzer Prozess“ zur Gänze eingefangen ist, kann aufgrund dieser Datenlage nicht entschieden werden. Denn, wenn die Zusammenstellung des Wörtchens „kurz“ zum Allerweltswort „Prozess“ dazu dient, einen neuen Begriff zu bilden, dann müsste dieser neue Begriff doch einen eigenen semantischen Gehalt haben, der nicht zwingend den semantischen Gehalt der Beifügung „kurz“ enthält. Langer Rede, kurzer Sinn: Des Rätsels Lösung kommt von Aristoteles himself: „Dasjenige, was so zusammengesetzt ist, dass das Ganze eines ist, [...] ist nicht nur seine Elemente [...] sondern auch etwas anderes“.6

Und so können wir nun glücklich schliessen: Die deskriptive Bedeutung von „kurz“ ist im „Kurzen Prozess“ wie wir gesehen haben zwar noch vorhanden, sonst wären Sätze wie „der Kurze Prozess hat sich über Jahre hingezogen“ nicht widersprüchlich, aber das Ganze ist eben doch nicht einfach nur ein kurzer Prozess, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Der Kurze Prozess hat die zusätzliche Bedeutung des Überstürzten, Abgekürzten, Verstümmelten. – Damit, dass diese Bedeutung diachron betrachtet sehr wohl und sehr ursprünglich zu „kurz“ gehört, schliesst sich der Kreis. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Und so bleibt mir nur noch Feuerbachs Zitat – bevor wir nun zum Nachtisch schreiten: „Was ist das Leben? Allein der Zeugungsaktus des Geistes; Darum ist kurz der Proceß, aber auch süß der Genuß.“7

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen weiterhin einen schönen Abend, einen schönen Abend... einen schönen Abend.

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1 Heidegger, M., „Was ist Metaphysik?“ 1929, zitiert nach Carnap, R., „Überwindung der Metaphysik durch logische
Analyse der Sprache“, Erkenntnis 1931, S. 229

2 Kant, I., Die Kritik der reinen Vernunft, B XXXV

3 Wittgenstein, L., Philosophische Untersuchungen, §43

4 Neue Zürcher Zeitung, 07. 02. 2001, S. 43

5 Neue Zürcher Zeitung, Mittwoch, 20. 10. 2004, S. 60

6 Aristoteles: Metaphysik, 1041 b 10 (VII. Buch (Z))

7 Feuerbach, L., Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, Leipzig 1830