Danke für die Einladung nach Saignelegier. Danke für das anregende Thema! Sowohl über die Kürze als auch über Prozesse lässt sich – wie wir bereits gehört habe – in mancherlei Hinsicht philosophieren. Da mein Philosophiestudium bereits etwas länger zurück liegt, werde ich die eng metaphysischen Spekulationen und Herleitungen andern überlassen. Als Kurzfilmagent und Kurzfilmfestivaldirektor will ich die Gelegenheit nutzen, mich der Redevorlage von der kurz-filmischen Betrachtung her zu nähern. Denn auch ein Film ist ein Prozess: nämlich eine Abfolge von Bildern und Szenen.

Der Kurzfilm ist eine innovative und sehr lebendige Gattung des Films. Er dauert in der Regel kurz (zwischen 1 und 25 Minuten) und kann (wie der Langfilm) in Animation, Fiction-, Dokumentar- und Experimentalfilm unterteilt werden. Kurzfilme gelten als Talentschmiede für Nachwuchsfilmer – sie werden aber auch von gestandenen Filmemachern produziert und vor allem an Filmfestivals gepflegt sowie vermehrt auch als Vorfilm im Kino und im Fernsehen gezeigt.

Bei aufmerksamer Betrachtung dieser kurzen Bildprozesse lässt sich ein Hauptprinzip herausschälen: KEEP IT SHORT and SIMPEL oder kurz KISS. Im Kurzfilm zeigt sich dieses folgendermassen:

  • Klare Umsetzung einer Idee oder einer Handlung
  • Verzicht auf Nebenschauplätze – kein episches Abschweifen
  • Geschichte auf den Punkt bringen.
  • Gezielte Reduktion der Handlung auf wenige Akteure
  • Spezialfall Werbung: Fokus auf eine Message (Betrachter soll in 15 Sekunden für ein Produkt gewonnen werden)

Es handelt sich also um eine asketische Maxime, eine Vereinfachung oder eine praktische Umsetzung von Ockham Rasors These, die besagt, dass die einfachere Hypothese stets einer komplexeren vorzuziehen ist.

Das heisst aber nicht, dass Kurzfilme nicht in der Lage sind, komplexe Verhaltensweisen und Situationen abzubilden. Da wegen der Kürze nicht genügend Zeit besteht, jeden Sachverhalt ausführlich herzuleiten, müssen Kurzfilmer mit speziellen Techniken arbeiten, die ich hier verdichtet oder nach der Maxime „Konzentration aufs Wesentliche“ zusammenfassen möchte:

  • Nicht jede Prämisse muss hergeleitet werden | Aufbau auf Konklusionen
  • Arbeiten mit Stereotypen bzw. Clichés. Ausgangspunkt sind standardisierte Konstellationen wie:

Täter – Opfer-Beziehungen | klare Machthierarchien | Strukturen von Zuneigung – Abneigung. Schwarz – Weiss-Malerei ist zu einem gewissen Grad durchaus Programm.

  • Spezialfall Kino-Trailer: Antizipiert Thema und Verlauf des Langfilms.

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Soweit meine Veranschaulichung des KISS-Prinzips anhand des Kurzfilms als Beispiel eines kurzen Prozesses. Das KISS-Prinzip findet aber auch Anwendung in anderen Disziplinen – es ist von universeller Natur. Mir fehlt hier die Zeit, um ein universelles Prinzip aus dem Spezialfall „Kurzfilm“ abzuleiten. Ich möchte aber in Erinnerung rufen, dass das ganze Universum selbst als Prozess aus vielen abermillionen von Teilprozessen gedeutet werden kann. Natürlich sprengt diese kosmologische Betrachtung komplett den Rahmen des heutigen Vortrages. Ich muss ich mich heute daher schlicht darauf konzentrieren, euch einige Vertreter des KISS-Prinzips aus anderen Disziplinen (oder Teilkosmologischen Porzessen) vorzustellen.

Dazu ist es wichtig zu wissen, dass auf jeden Prozess auch ein antagonistisches Prinzip wirkt, welches besagt: KEEP IT LONG AND LARGE – in einschlägigen Kreisen auch KILL genannt. Die beiden Prinzipien schliessen sich also gegenseitig aus. D.h. entweder KISS oder KILL. Das KILL-Prinzip kann ich hier der Kürze wegen nicht gebührend entfalten. Ich will nur soviel dazu sagen: Das KILL-Prinzip ist beispielsweise der tiefere Grund dafür, dass die meisten Reden zu lang sind. Um selbst nicht dem KILL-Prinzip zu verfallen, werde ich mich nun auf Beispiele des KISS-Prinzips konzentrieren, das bisweilen hervorragende Blüten in unterschiedlichsten Disziplinen trägt. Diese werden von radikalen KILL -Verfechtern zu unrecht gerne als Banalitäten und „simplification terrible“ verschrien. Dass dieser Standpunkt zu kurz greift, mögen folgende Beispiele erhellen:

  1. Das KISS-Prinzip in der Alltagskommunikation: Beispiel sms Schreiben. Das sms Schreiben eignet sich hervorragend, um das KISS-Prinzip zu illustrieren und einzuüben. Wie lassen sich die eigene „Weltsicht zum Lauf der Dinge“ oder der „Sinn des Lebens“ in einem sms mitteilen?
  2. Wenn wir hier, in dieser philosophischen Runde, einen Blick in die lange Geschichte der Philosophie wagen, stelle ich fest, dass dort das KILL-Prinzip ausserordentlich starke Verbreitung gefunden hat, insbesondere ein Sonderfall des KILL-PRINZIPS, das KILL C+ Prinzip: KEEP IT LARGE AND LONG and C Aber einige Philosophen – und nicht die unbekanntesten - haben es dennoch geschafft, ihre Message short and simpel rüber zu bringen: „Ich weiss, dass ich nichts weiss“, „Cogito ergo sum“ oder auch „Gott ist tot“ sind Phrasen, die ein ganzes Denken auf den Punkt zu bringen vermögen. Platons Werk ist eher Long and Large. Doch auch bei ihm gibt es musische KISS-Momente, wie beispielsweise das Höhlengleichnis (das mir auch 4 Jahre nach dem Studium noch lebhaft in Erinnerung geblieben ist).
  3. Mathematik und Formeln wie auch Statistik allgemein sind hervorragende Beispiele für die Verdichtung als Sonderfall des KISS-Prinzips. Kurz (oder Short and Simpel) ist somit nicht gleichzusetzen mit Banalität oder Plumpheit. Einstein etwa soll seine Relativitätstheorie auf einem A4 Blatt niedergeschrieben haben! Ich verweise hier gerne auch auf die NZZ-Reihe „Klassiker im Kurzformat“, in der sowohl Philoklassiker als auch andere Werke auf wenigen A4-Seiten kurz und bündig zusammengefasst sind.

Dies waren nur ein paar wenige Beispiele für die verdichtete Kurzform. Im Sinne des KISS-Prinzips will ich meine Ausführungen hier beenden. Als Kurzfilm-Promotor und Kurzfilm- Missionar kann ich nur dazu anregen, dieses Prinzip aktiv zu pflegen. KISS (KILL natürlich auch) ist eine Lebenshaltung, eine Lebensphilosophie, die sich glücklicherweise auch in einem langem Leben befolgen lässt. Ein Hoch auf die Kürze!