Verehrte Anwesende!

Wäre dies eine Pressekonferenz und ich ein Politiker oder irgendeine andere Art Herr Wichtig, fiele mir die Antwort auf die Frage leicht, und sie bliebe denkbar knapp. Ich würde Ihnen sagen: Es gilt das gesprochene Wort.

Da Sie aber kein vorab ausgegebenes Manuskript - also ein geschriebenes respektive gedrucktes Wort - in Händen halten, erübrigt sich diese rednerseitige Ermahnung; gäbe ich sie dennoch zum besten, würden Sie sich vermutlich wundern. Wenn nichts zur Debatte steht ausser meinem gesprochenen Wort, wenn es keine gedruckte oder sonstwie zugängliche alternative Medialität (tolles Wort!) zu diesem meinem gesprochenen Wort gibt, was sollte sonst als meine Rede gelten? Es ist doch evident...

Mit der Evidenz aber ist es für uns als alte Piraten in den unendlichen Weiten der Diskurse naturgemäss so eine Sache: Spätestens seit Nietzsche oder irgendeinem anderen unfreiwilligen Urahn von Postmoderne, Cultural Studies und Dekonstruktion ist doch die Sicherheit dahin, oder nicht ? Die aufgeklärte Ironikerin (das ist ein Pseudonym eines amerikanischen Bestsellerautors namens Richard Rorty) ist sich doch bewusst, dass nichts evident, sondern vielmehr alles irgendwie kontextuell verwobene Befindlichkeitsformulierung ist, ein klitzekleiner Ausschnitt aus dem grossen, grossen Text, der sich immer wieder neu schreibt. Selbst der sogenannte ‚kritische Rationalismus’ Ende der siebziger Jahre, garantiert unverdächtig jeglichen Relativismus oder anderer dadaistischer Umtriebe, wollte im Anschluss an Karl Popper nurmehr von Hypothesen reden und das evidentermassen Gültige aus dem Geistesleben der modernen Welt verbannen. Den kritischen Rationalismus nach Popper kennt man heute in weiten Kreisen bloss deswegen, weil irgendwelche Streitereien mit Habermas und Schülern überliefert sind. Habermas wiederum wird kraft unermüdlichen Ausstosses an Gedrucktem dem Druck des Vergessens allein durch schiere Masse länger standhalten können. Wie es wohl der Dekonstruktion ergehen wird? Der liegt das Flüchtige ja schon in der Wiege... doch ich schweife ab.

Wie Sie mittlerweile unschwer feststellen können, ist meine Antwort auf die Ausgangsfrage dabei, ein wenig länger auszufallen. Doch seien Sie unbesorgt, denn auch über mir erhebt sich der dunkle Horizont der zehn Minuten Lebensdauer einer Tischrede. Ab jetzt also in knappen Worten.

Ich werde – bei aller gebotenen Knappheit – dabei zunächst auf Gott zu sprechen kommen, um schliesslich auf die Grundfesten der Logik zuzusteuern. Falls Ihnen diese Reihenfolge blasphemisch vorkommen sollte: Als Kryptokatholik bemühe ich mich immerhin redlich und mache vielleicht sogar Fortschritte. Als Logiker dagegen bin ich wahrscheinlich für immer verloren. Nicht einmal Prädikatenlogik erster Stufe gelingt mir problemlos vorwärts, rückwärts und ohne Hinschauen. Aber mit etwas Gottvertrauen kann man eben auch der Logik ins Gesicht sehen. Wagen wir es !

Im Jahr meiner Geburt (ob dies ein dialektischer Fingerzeig der Geschichte sein mag?) veröffentlichte Hans Blumenberg ein umfangreiches Werk, das nichts Geringeres beabsichtigte, als die ‚Legitimität der Neuzeit’ (so der Werktitel) zu dokumentieren. Darin macht der  Autor – ich fasse jetzt stark zusammen – die Entwicklung der Scholastik unter dem Titel „theologischer Absolutismus“ zur Quelle einer fundamentalen Hilflosigkeit des spätmittelalterlichen Menschen in Konfrontation mit der ihn umgebenden Welt. Gipfel dieser Entwicklung sei die Theorie der absoluten Allmacht Gottes durch Wilhelm von Ockham, aus welcher Ockham die „Ohnmacht der Vernunft“ deduziere. In der Tat gibt ja die Vorstellung eines unberechenbaren Willkürherrschers, der ohne Probleme auch Naturgesetze ignorieren kann, nicht unbedingt kontemplative Sicherheit in der Welt. Laut Ockham ist es Gott möglich, per Offenbarung jemanden in die Zukunft blicken zu lassen (ok; das können heute schon mittelmässige Filmhelden), eine bessere Welt zu schaffen (ein Akt, dessen Unterlassung Gott heute von glühenden Verehrern, die unglücklicherweise auch noch gerne im Fernsehen auftreten, fortwährend vorgehalten wird), Materie ohne Form oder Form ohne Materie zu schaffen, Akzidenzien von Substanzen zu trennen oder gar Ursachen bestehen zu lassen, ohne dass Wirkungen eintreten (eine Fähigkeit, die wohl sehr viele Menschen gerne besässen, wenn es für sie bereits zu spät ist).

Ich will nun nicht erläutern, warum wir uns wegen dieser göttlichen Fähigkeiten nicht grämen müssen. Man hat in den letzten Jahrzehnten oft, ausführlich und überzeugend dargetan, dass Ockhams verunsichernder Willkürgott eher in Blumenbergs Imagination denn in Ockhams Theorie vorkommt, und dass Gottes Macht auch laut Ockham vielmehr eine Grundlage der vernunftmässigen Erfassbarkeit unserer Welt ist. Ich will auch nicht die Subtilitäten der Unterscheidung und des Zusammenhangs von absoluter und geordneter Macht Gottes (potentia absoluta und potentia ordinata) erkunden. Vielmehr will ich direkt nach der maximal möglichen absoluten Allmacht laut Ockham Ausschau halten. Und siehe da: Es gibt sie, die maximal mögliche Allmacht; auch die absolute Macht Gottes hat eine Grenze. Nämlich die Denkbarkeit.

Der besonders schlaue und begabte Praktikant des göttlichen Weltethos wird uns wahrscheinlich jetzt selig lächelnd informieren wollen, dass Gott eben doch viel mehr könne, als wir kleinen Menschlein zu denken vermöchten.

Es geht allerdings gar nicht darum, was Gott alles denkt, das in unsere kontingenten und defizienten Köpfchen nie und nimmer hineinpasst. Vielmehr geht es um die Formulierung des Problems.

Sehen wir, was unser mittelalterlicher Denker zu sagen hat.
Ockhams bündigste Auskunft darüber, was Gott alles kann, lautet etwa so: In Gottes Macht liegt alles, was auch immer keine Kontradiktion einschliesst (so Quodlibet 6, q.6, vgl. Sent 1, dist. 20, q. unica). Gott ist also zu allem ausser einer Verletzung des grundlegendsten Prinzips der Logik in der Lage. Schon für Platon (z.B. Euthydemos) und Aristoteles (z.B. Metaphysik) ist dieses Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs Fundament jeden möglichen Wissens; bereits Anselm von Canterbury (Proslogion 7) war überzeugt, dass Gott nicht gegen dieses Prinzip verstossen könne. Selbst für Petrus Damiani, der ansonsten bevorzugter Kandidat für merkwürdige Ansichten wäre, ist es schlicht unmöglich, dass Gott etwas erschüfe, das einen kontradiktorischen Gegensatz einschliesst. Wenn nämlich von gegebenen Dingen eine Kontradiktion behauptet werde, so wieder Ockham (Sent 1 dist 2 q6, q9, Quodlibet 6, q8), sei dies ein Beweis für ihre Unterschiedenheit, ihre Nicht-identität. Die Kontradiktion sei das mächtigste Verfahren, um die Unterschiedenheit von Dingen zu erweisen; wäre dies nicht möglich, so gäbe es überhaupt kein Verfahren, um die Dinge zu unterscheiden. Ohne das Nicht-Widerspruchsprinzip wäre also alles einerlei.

Na und? Könnte der Schlauberger fragen. Kann Gott nicht wirken, dass alles einerlei ist? Wenn nicht, warum nicht? Und beschränkte dies dann nicht seine Macht, sodass man nicht mehr eigentlich von ‚Allmacht’ sprechen könnte?

Fragen wir zurück: Was redest Du da eigentlich? Wenn alles einerlei ist (und kontradiktorische Gegensätze umfasst), dann ist alles Gott. Und auch nicht. Dann ist alles allmächtig und gleichzeitig ohnmächtig. Und auch nicht. Und Du bist Gott . Und Gott ist nicht Du.

Kannst Du mir unter den von Dir offensichtlich vermuteten Voraussetzungen einen vernünftigen Satz formulieren? Oder überhaupt einen Satz formulieren? Kannst du überhaupt ETWAS sagen? Wenn ja, dann kannst Du es nicht (Kontradiktion!).

Kurz gesagt: Nicht Gottes Macht würde beschränkt, sondern wir sehen vielmehr sogar, dass die Behauptung, Gott könne das Prinzip vom ausgeschlossenen Widerspruch ausser Kraft setzen, gar nicht erst sinnvoll formuliert werden kann. Schon allein die Begriffe ‚Gott’, ‚ist’ und ‚allmächtig’ ruhen auf diesem Prinzip, denn wenn etwa allmächtig dasselbe wäre wie ein Hund und das Wort ‚allmächtig’ dasselbe bedeutete wie das Wort ‚Hund’ – oder gleichzeitig nicht -, bedeutete alles alles und nichts etwas.

So bemerkt einige Zeit vor Wilhelm von Ockham Thomas von Aquin zu einem Vers aus dem Lukasevangelium, der da lautet: ‚Bei Gott ist kein Wort unmöglich’ Folgendes: „Das, was eine Kontradiktion impliziert, kann kein Wort sein. Denn kein Verstand könnte davon einen Begriff bilden.“ (STh Ia q25 art4). Der- oder diejenige, die gegen dieses Grundprinzip der Logik rebellieren möchte, redet nicht nur Unsinn, sondern streng genommen gar nichts.

In diesem Sinne – um den Bogen von der Logik wieder zu Gottes Allmacht zurückzubiegen, und um meine Belesenheit noch weiter herauszustreichen – lässt sich mit Aegidius Romanus sagen: Beides bedingt sich gegenseitig: dass jemand allmächtig sei, und dass er nichts kontradiktorisches kann (I Sent dist 20 q1, 1 resp.).

Wenn aber nicht einmal Gott gegen die Grundregeln der Logik verstossen kann, so wird dazu erst recht keiner in der Lage sein, der, sagen wir: Kulturwissenschaft studiert, bei 3Sat Lifestylesendungsmoderator werden möchte und Lacan für so etwas wie einen Gott hält.

Zumindest mich lässt diese Gewissheit zufriedener ins Appenzellerland hineinblicken. Das gilt; versprochen.