Liebe ­Tischgenossinnen und Tischgenossen,

vor ein paar Tagen entzündete sich ein Disput über folgende Frage: Legen weisse Hühner eigentlich ausschliesslich weisse Eier – und legen braune Hühner eigentlich ausschliesslich braune Eier? Einer meinte, dem sei so. Braune Hühner legen braune Eier und weisse Hühner legen weisse Eier. Der andere meinte, ach wo, das Ohrläppchen des Huhn entscheide über seine Eier. Ein anderer fragte, ob Hühner überhaupt Ohrläppchen haben oder keine. Und wenn ja, warum. Und wenn nein, warum. Und noch einer sagte, es gäbe auch grünliche Eier, ob es denn entweder grünliche Hühner mit oder ohne grünliche Ohrläppchen gäbe.

Irgendwann legte sich die Diskussion. Eiercognac, um sie rituell zu beenden, gab es keinen, und so überliessen wir das Geheimnis den Hühnern.

Vor ein paar Monaten fragte mich die Zeitschrift Geo an, ob ich eine Geschichte schreiben würde über die Vielfalt von Pflanzen und Tieren in der Schweiz. Genauer gesagt, in Sursee, einer kleinen Stadt im Kanton Luzern. Und noch genauer gesagt, über den Zu- und Abgang von Schwebefliegen, Wanzen, Fledermäusen, Dachsen, Pilzen und Baumflechten.

Nun ist es ja so: Wenn eine grosse Zeitschrift wie Geo anfragt, dann sagt man als kleiner Reporter sofort zu, auch wenn Ehre und Honorar gering sind – es war ja bloss für eine Geo-Beilage, und die zuständige Redakteurin hatte keine Zeit.

Jedenfalls fand ich mich eines Sonntags in Sursee. Ich hatte nicht ausschlafen können. Es regnete. Ich ging die leere Strasse hinab zum Rathaus. Dort empfing mich der Chef des Ornithologischen Vereins Sursee. Er erklärte mir, wo und wann die wichtigen Dinge stattfinden würden. Der Fotograf sei auch schon da, sagte er, und fragte mich, mit welcher Gruppe ich denn als erstes in die Natur hinaus ziehen würde. Ich entschied mich spontan für die Pilzsammler. – Ich muss gestehen, das mit dem „spontan“ war natürlich ein Schwindel. Ich dachte allein ans Bild. Reporter denken häufig ans Bild. Ursprünglich hatte ich mir Elektrofischen ausgesucht (da wird eine Art Besenstiel mit einem Heiligenschein dran ans Bachufer gehalten, und die Fische kriegen einen Schock und schwimmen mit dem Bauch nach oben den Bach hinab.)

Aber leider war ein Schreiberkollege flinker gewesen, und so blieben für mich die Pilzsammler übrig.

Bald standen wir an einem Wegesrand am Rand von Sursee und warteten auf die Pilzsammler. Es dauerte vielleicht eine Viertelstunde, bis ich sie auftauchen sah. Sie trugen Hüte und gelbes Ölzeug. „DORT, dort sind sie!“, sagte ich und drehte mich zu Andri, dem Fotografen. Er sagte: „Wo? Wo sollen sie sein? Ich sehe nichts!“ – Ich schaute hin. Sie waren verschwunden. – Also gingen wir näher, den Weg entlang. An einer alten Scheune vorbei, zum Unterholz. Da sahen wir sie. Fünf Männer. Auf Knien. Sie trugen Werkzeugkoffer. Die kleinen Fächer waren voller Pilze. Einer neben dem anderen. Einer der Sammler trug einen Korb wie Rotkäppchen. Im Korb drin sass ein sehr schöner grosser Pilz.

„Den haben wir extra für die Foto gesammelt“, sagte der Pilzsammler mit dem Goldzahn. „Es ist ein Tintling. Sehen Sie“ – er streckte uns den Pilz entgegen –, „er hat eine zerzauste Frisur. Der lateinische Name lautet Coprinus“.

Zuhause sah ich auf dem Internet nach, was es mit den Tintlingen auf sich hat. Tintlinge sind eine einigermassen weitverzweigte Familie. Sie sehen einander ähnlich. Nichts Besonderes. Da erregte EIN Pilz meine Aufmerksamkeit. Er sieht zwar aus wie alle andern. Man kann ihn essen – wie die meisten andern. Er soll auch anständig schmecken. Har er es sich im Bauch gemütlich gemacht, entfaltet er eine unhöfliche Wirkung. Und die geht so: Wehe, man trinkt einen Tropfen Alkohol zum Pilzmahl. Dann führt diese Kombination zu Vergiftungen: Hitzegefühle, Übelkeit, Atemnot, Schwindel, Herzklopfen, Kreislaufkollaps, Herzprobleme. Wer einmal einen solchen Tintling ist, darf sein Leben lang keinen Tropfen Alkohol mehr trinken. Sonst drohen ihm Hitzegefühle, Übelkeit, Herzklopfen, Sie wissen schon.

Ich sass am Pult und dachte: Was für eine hübsche Geschichte! Der richtige Stoff für eine Kurzgeschichte. Etwa so: Ein Mann, der gern isst und trinkt, lädt eine Frau, die gern isst und trinkt, zu einem Abendessen ein. Sie essen eine Vorspeise – etwas Appenzellisches, Mostbröckli mit Essiggürkchen oder so wie hier im „Bären“ in Gonten. Dann ein Süppchen. Appenzeller Wörschte. Einen netten Braten mit Kartoffelstock. Karamelisierte Zwetschgen mit Vanille-Glace. Und zum Abschluss Käse. Mit eingelegten Pilzen. Sie schimpfen über die hohen Preise von Bordeaux-Weinen und loben den neue

Oh, Beinahe hätte ich vergessen zu erwähnen: Beide sind Weinkritiker. Beide schreiben für grosse Zeitschriften. Und beide hassen sich herzhaft. Irgendwann wird dem einen Gast übel. Herzklopfen, Atemnot, Sie wissen schon. Er entschuldigt sich und geht vom Tisch. Aber dann geschieht es: Auch dem zweiten Gast wird übel. Sie ahnen es: Herzklopfen, Atemnot.

Da meine Redezeit auf 10 Minuten beschränkt ist, muss ich Ihnen das Ende der Geschichte vorenthalten. Also fahre ich mit der Erläuterung des merkwürdigen Titels meiner kurzen Rede fort. „Wörscht – was sonst?!“ war meine Antwort auf die Frage der Organisatoren, ob ich Vegetarier sei oder nicht. Auf dem Menü standen leckere Dinge, darunter die Appenzeller Bauernwürste, die wir gerade gegessen haben. Da die ganze Kommunikation via Email lief, blieb irgendwann die Oberzeile als Titel hängen.

Und als Ulvi nachfragte, ob „Wörscht – was sonst?“ tatsächlich der Titel meines Beitrages sei, fand ich: Sicher nicht! Auf keinen Fall! Dann aber hielt ich ihn für genau richtig. Denn darum geht es mir letztlich: Entweder ist etwas eine gute Geschichte wert – oder nicht. Entweder wir haben etwas zu erzählen oder zu schreiben – oder nicht.

Was wissen wir – wenn überhaupt – von unseren Ahnen? Was erzählen wir? Was schreiben wir nieder? Was hat die Jahre überlebt? Geschichten. Marotten. Abweichungen. Zufälle. Der Titel „Wörscht – was sonst?“ war ein Zufall. Jetzt ist er es nicht mehr. Er kam als Abweichung zur Welt. Als kleine Geschichte. Unwichtig. Klar. Aber er ist nun einmal da. Wie wir. In eine Welt gepresst, von der wir nichts wussten. – Und wenn dieser Abend eine gute Geschichte hergibt, dann wird er ein paar Tage oder Wochen überdauern. Wenn er keine gute Geschichte hergibt, werden wir ihn schon übermorgen vergessen haben.

Ohne Geschichten gibt es uns nicht. Ohne Geschichten hat es uns nie gegeben. Weder im Hier noch im Dort. – Geschichten sind das, was gilt. So. Und jetzt heben wir alle unser Glas und trinken auf das Leben. Auf was sonst?

 

René Ammann ist Reporter und Kolumnist („brand eins“ Hamburg, „Weltwoche“ Zürich, „Massiv“ St. Gallen) und hat unter anderem folgende Bücher geschrieben: „Frau Holle verlor die Kontrolle“ (Illustrationen: Anna Luchs) und „Ammanns wunderbare Welt in Zahlen“. Er wohnt in Zürich. Mehr über www.zahlenwelt.net