Ich glaube, es ist nicht ganz einfach, eine Rede über den Begriff Heimat zu halten. Ich sage das nicht bloss, um mit einer bescheidenen Geste anzufangen. Die Schwierigkeit besteht nicht etwa darin, dass man nichts zu diesem Thema finden würde. Vielmehr, dass schon so viel darüber gesagt wurde. Was auch immer unter Heimat verstanden wird - man will es vielleicht gar nicht so genau wissen -, das Wort scheint ein beliebter Einsatz in den politischen Spielen der Schweiz zu sein. So etwas wie ein Trumpf, der immer zieht. Heimat, dieses Wort, man mag es schon nicht mehr hören.
Seit einiger Zeit gibt es vielleicht sogar einen Begriff für diesen Überdruss. Ist das vielleicht die geheime Bedeutung von "heimatmüde"? Bezeichnet dieses Wort, das die SVP für alle "Vaterlandsverräter" reserviert hat, nicht eher unseren Überdruss an ihren Phrasen? Vielleicht wissen wir durch diese Wortschöpfung endlich, was uns so müde macht. "Heimatmüde."

Aber man kann ja dabei nicht stehen bleiben. Müde, wie wir sind, müssen wir trotzdem weiter. Es ist hier vielleicht angebracht über die philosophische Dimension des schweizerischen Heimatbegriffs zu sprechen. Tatsächlich haben wir Schweizer vielleicht den philosophischsten aller Heimatbegriffe. Rousseau belehrt uns darüber. Die Frage, die Rousseau sich stellt, ist, ob Kunst und Wissenschaft etwas zur Läuterung unserer Sitten beitrage. Sein Urteil fällt vernichtend aus - in dem Masse, in dem die Künste und die Wissenschaft sich entwickelt hätten, in dem Masse seien unsere Seelen verdorben worden. Kunst und Wissenschaft sind für Rousseau Inbegriff der Verstellung und des Überflusses und so insgesamt schädlich für eine bereits angeborene Tugend. Zu diesem Schluss gelangt Rousseau nicht argumentativ, sondern über Beispiele. Eines dieser Beispiele ist die Schweiz.
Die Schweizer sind für Rousseau eines jener Völker, die sich vor dem Giftstoff eitler Erkenntnisse bewahrt hätten. Ich glaube Rousseau stellte sich die Schweizer als Bergbauern vor, die von ihrer Alp auf die Städte hinunterblicken und merken, dass das alles nichts für sie sei. Irgendwie scheint der Schweizer zu merken, dass die dort unten angebotene Kultur ihn nur verderben würde. So schaut er hinunter, murmelt vielleicht noch etwas wie "abfahre", wendet sich um und seinen Kühen zu. Rousseau bemüht sich klarzustellen, dass diese Haltung keineswegs als Dummheit zu interpretieren sei. Im Gegenteil, die Schweizer hätten den "Müssiggang" und die "Klugschwätzerei" genau beobachtet und ihre Lehren daraus gezogen.
Der Widerspruch scheint Rousseau zunächst nicht aufzufallen. Die Schweizer meiden die Wissenschaft, weil sie genau beobachtet und ihre Lehren gezogen haben? Sie meiden die Wissenschaft, weil sie um ihre Gefahren wissen? Erst später kommt Rousseau auf den Widerspruch zurück. Was sich bereits bei den Schweizern gezeigt hat, wird nun bei Sokrates ausgesprochen. Sokrates ist für Rousseau jener Philosoph der bei allen Berufsgruppen, bei den Dichtern, bei den Rednern und bei den Handwerkern festgestellt hat, dass sie nichts wissen. Und er bemerkt schliesslich, dass auch er nichts weiss. Sokrates ist also jener der weiss, dass er nichts weiss. Wir Schweizer sind da viel radikaler. Sokrates weiss, dass er nichts weiss. Wir wissen, dass wir nichts wissen wollen. Nicht umsonst nennt man uns eine Willensnation. So sind wir Schweizer die, die nichts wissen wollen und leben in einem Land, worüber hinaus wir nichts wissen wollen. So stehen wir über allem, was uns verderben könnte, erhaben und rein.
Der Grundwiderspruch unseres Heimatbegriffs ist aber keineswegs abstrakt - er ist wohl am schönsten in einigen unserer Politiker verkörpert. Dass sie sich Mühe geben, möglichst ungehobelt und hemdsärmlig aufzutreten, ist häufig bemerkt worden. Dadurch müssen all diese verkleideten Akademiker und Verwaltungsräte offenbar zeigen, dass sie zu den Ungebildeten gehören. Aber neuerdings gehen sie noch über diese Äusserlichkeiten hinaus. Nun verkünden einige lauthals, dass ihre eigentliche Aufgabe darin bestehe, zu schweigen, denn nur das Volk dürfe sprechen. Wenn das Volk spricht, haben die Politiker zu schweigen. Schön. Wir Schweizer wissen, dass wir nichts wissen wollen, unsere Politiker sagen, dass sie nichts sagen wollen. Manchmal ist man versucht, ihnen zuzurufen, dass sie ihre Versprechen wahrmachen sollen.

Aber, ich scheine mich im Kreis zu drehen. Diese schweigenden Politiker, dieser verhaltene Wunsch meinerseits - ist das nicht wieder jener Überdruss? Heimat, ich kann es schon nicht mehr hören. Vielleicht müsste man den Überdruss ernster nehmen und ihn nicht beiseite schieben. Vielleicht beinhaltet dieser Widerwille, dieses "Ich kann es nicht mehr hören" seinerseits einen Begriff von Heimat, den es noch zu entdecken gilt. Der letzte Schweizer Schriftsteller, der noch um einen positiven Begriff von Heimat ringt, hat das offensichtlich versucht. Peter Bichsel hat in der Schweizer Illustrierten seine unterschiedlichen Erfahrungen mir der englischen und der deutschen Sprache beschrieben. Nach einem dreimonatigen Sprachaufenthalt in New York sei er in ein Flugzeug gestiegen und dort sei ihm seit langem wieder die deutsche Sprache begegnet. Aber was ihm in den New Yorker Bars noch gelungen sei, das war auf einmal unmöglich: er konnte nicht mehr weghören. Wenn die Menschen um ihn Englisch sprachen, konnte er völlig abschalten, sich abnabeln und die Zeitung lesen. In diesem Flugzeug, auf dem Weg nach Hause, umringt von Schweizer Touristen musste er zuhören, musste er mithören. Eine vertraute Sprache stellt offenbar andere Anforderungen - man muss den ganzen Mist mithören und kann nicht Zeitung lesen. Dazugehören kommt offenbar von hören. Heimat, das wäre demnach dieser Zwang, diese Unmöglichkeit, wegzuhören.
Peter Bichsel nennt seine Gedanken manchmal eine Hausecken-philosophie. Aber dieser Begriff von Heimat könnte doch einige Perspektiven öffnen. Es wäre ein Begriff von Heimat, der den Zwang nicht leugnet, den sie ausübt. Ein Begriff vielleicht auch, der unseren Überdruss verständlich macht. Nicht mehr zuhören wollen. Ein Begriff von Heimat, der die Heterogenität von Zugehörigkeiten aufzeigt, in der wir uns bewegen. Hier kann ich nicht weghören, dort fällt es mir leicht. Und ein Begriff von Heimat, der einen zwingt, sich zu verständigen - weil weghören gar nicht möglich ist. Vielleicht wäre ein Verständigung möglich.