Verehrte philosophische Tischgemeinde
Wer mich kennt, weiss, dass mir politische Philosophie recht fremd ist. Man möge mir also im folgenden verzeihen, dass ich nicht eigentliche politische Philosophie, sondern drei eigensinnige Sichten auf das Phänomen "Heimat" bieten werde: Zuerst ein etymologisch-politischer Teil, gefolgt von einem kernig-phänomenologischen Abschnitt, schliesslich ein historisch Rückblick.

1. "Heimat" als "heiliges Material"
Wenn wir Etymologie als sehr freie Wissenschaft verstehen - was immer wieder so gehalten wurde - darf ich auch für meinen Heimatbegriff als "heiliges Material" eine etymologische Basis als Garant der Wahrheit beanspruchen: Bei der ersten Silbe "Hei" für heil / heilig sehen wir die althergebrachte Verschluckung des "L", wenn noch eine Silbe folgt, in unserem Fall also "mat". Die Verkürzung von Material zu "mat" ist dank dem verbreiteten Marxismus schliesslich allgemein geworden. Nur soviel zur Herkunft des Wortes "Heimat" als "heiliges Material" soll genügen.
Nun, was gewinnen wir aus dieser etymologischen Wahrheit? Offenbar wird die Verbindung der Heimat mit etwas Handfestem, dem Material. Nicht etwa Emotionen, Wertvorstellungen oder gar politisch-philosophische Konzepte werden in "Heimat" angerufen, sondern eben das heilige Material. Einmal war das heilige Material vielleicht der Berg: ein Faszinosum seit jeher - auch hier etwas ganz Handfestes. Was ist heute in der Deutschschweiz das allgemein-heilige Material, das sich in der "Heimat" verbirgt?
Um dies zum Vorschein zu bringen, können wir fragen, was ist denn heilig und zwar in Hinblick auf Materielles (eben HeiMAT) und zusätzlich im Hinblick auf den Staat Schweiz? Nach drei Jahren akribischen Forschens und mit Hilfe der neuesten Umfragetechniken sind wir zu einem empirischen Ergebnis gekommen: Das heilige Material sind die Steueraufwendungen. In ihnen kumuliert sich unser Zugang zum Staat. Die Heiligkeit manifestiert sich in der Empörung, wenn Steuergelder für Minderheiten sozusagen "verschleudert" werden. Die Heimat entblösst sich so als die Summe der steuerlichen Abgaben. Mit Argusaugen wird denn auch die Verteilung dieser Gelder beachtet. Soviel zu unserer Forschung bezüglich "Heimat" als "heiliges Material".

2. Phänomenologischer Teil
Nun wollen wir noch einen objektiveren Zugang zum Phänomen Heimat eröffnen. Dieser ergibt sich, wenn wir statt etymologisch phänomenologisch - also mit Blick auf die Heimat selbst - vorgehen. Hier soll die deutsche Sprache als Zugang ausgeblendet werden. Denken wir also an "mother country", zum Ausgleich: "patrie" oder neutraler "terra natal".
Was kann als gemeinsamer Nenner, als Wesen der Heimat herausgeschält werden? Nach drei Jahren akribischer phänomenologischer Forschung hat sich folgende Wesenseinsicht eingestellt: Heimat ist das Sich-Wohlbefinden an einem bestimmten Ort. Welcher Ort ist natürlich subjektiv gegeben: Jedes Subjekt hat objektiv seine je eigene Heimat.
Ein paar Fragen: Gibt es auch Heimatlose? Ist die Heimat als Ort des sich Wohlbefindens wählbar? Kann ich meine Heimat wechseln? Oder bedeutet so ein Wechsel nur ein Finden der eigentlichen Heimat? Wer mich kennt, weiss, dass ich mit der Möglichkeit einer Auswanderung nach Brasilien liebäugle. Wird dann Brasilien meine Heimat oder bleibt stets die Schweiz meine wahre Heimat?
Ort des sich Wohlbefindens: Es geht um eine Beziehung zu einem Ort. Mit Beziehung kommt gleich die Dynamik rein: So eine Beziehung kann zunehmen, kann abnehmen. Der Ort des sich Wohlbefindens ist nicht fix, sondern der Lebensgeschichte unterworfen. Die "terra natal" - der Geburtsort (natürlich nicht das Spital) - ist nur die erste Heimat. Spätere werden sich gegebenenfalls im Leben melden. Im Zuge der Globalisierung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man zum Geburtsort noch andere Gegenden als Heimat gewinnt.
Die Definition des sich Wohlbefindens an einem bestimmten Ort unterschlägt also den dynamischen Beziehungscharakter - oder schlicht die Zeitlichkeit. Trotzdem ist die Definition gültig, nur das der bestimmte Ort einmal mehr da, einmal mehr dort ist.
Heimatlos ist, wer den Ort immer statt hier dort hat. Stets in der Heimat ist der Kosmopolit im strengen Sinne. Innerhalb dieser unerreichbaren Grenzfälle bewegen wir uns mehr oder weniger in der Heimat.
Soviel zu unserer Betrachtung der Heimat als objektives Phänomen.

 

3. Philosophische Statements in chronologischer Reihenfolge, der historische Teil

PLATON:
"Sokrates: Was ist angenehmer: Für die Heimat zu sterben oder den Jüngling in die Liebe einzuführen?" (Erotikes, Ph.3 VI)

ARISTOTELES:
"Jede Polis hat ihre Gesetze. Ich habe sie allesamt gesammelt und studiert: Die anderen sind Barbaren." (Xenophobion, 3.7)

DESCARTES, René:
"De natura patriae: Qua qualitas est idea partiae? Est patria idea innata, adventitia vel a me ipso facta? Quid vero? In dubio pro dubio: Nihil est vero." (meditationes de ultima philosophia, S.43)

KANT, Immanuel:
"Inwiefern können wir wissenschaftliche Erkenntnisse zur Heimat gewinnen, wenn wir nie aus Königsberg rausgekommen sind, um die Nicht-Heimat kennenzulernen? Nun, da ich Hegel nicht kenne, brauche ich keine Antithese oder gar Synthesis, um im Geiste vorwärts zu kommen. Man nehme meine Kategorien und gehe sicheren Schrittes bis ans Ende der Welt - natürlich nur im Geiste, alles andere ist gefährlich." (Kritik meiner Heimat, X78f.)

HEGEL, Ge.Wilh.Fr.:
"Das Subjekt findet im Objekt Heimat seinen Gegenstand und seine Erfüllung. Meine Freiheit geht auf im Geist des sich entwickelnden Staates. Diese Einsicht in die Notwendigkeit stellt sich leichter bei einem kräftigen Schluck Wein ein." (Synthesis dank synthetischer Materialien, Absatz Alkoholika 2)

HUSSERL, Edmund:
"... Fangen wir von vorne an. Klammern wir alles bisher Gesagte ein, klammern wir alle psychologischen Implikationen aus, lassen wir den ganzen historischen Ballast zurück und schauen ins Wesen der Heimat. Diese methodisch-phänomenologische Reduktion ... " (S. 32) "... Fangen wir von vorne an. Unsere Methode die Heimat zu sehen scheint ...." (Husserliana XXXII, S.543f.)

HEIDEGGER, Martin:
"Heimat spricht die Zeitlichkeit meines Rückweges aus: Das Dasein im Schwarzwald lichtete sich zum Seyn in Griechenland." (Der Weg zur Hermetika, S.14)

WITTGENSTEIN, Ludwig I:
"Was ich zur Heimat sagen kann, könnt ihr nicht verstehen." (Vertractus 2.34)

WITTGENSTEIN, Ludwig II:
"Die Heimat der Schildkröten ist nicht das Wasser, sondern auch das Land. Die Heimat der Flugzeuge ist nicht der Himmel, sondern auch der Boden. Die Heimat des Menschen ist nicht die Sprache, sondern auch die Musik." (Das grün-violette Buch, S.23)

Ich danke Ihnen.