Liebe Schweizerinnen und Schweizer, Liebe Ausländerinnen und Ausländer, Liebe Heimatlose
Es ist zunächst einmal nicht verwunderlich, dass "Heimat" heute zur Debatte stehet. Die Schweiz feiert heute wieder einmal Geburtstag, und glaubt man den Mythen und Erzählungen der Heimatgläubigen, so ist dies schon der 708te Jahrestag der alten Dame. "Heimat", so möchte man glauben, ist wesentlicher Bestandteil dieses alljährlich wieder kehrenden Ereignisses, und ist zugleich auch sinn- und zielspendend im beständigen Prozess der Staatserhaltung der Willensnation Schweiz. Dank "Rütlischwur", "Tells Geschoss" und Moorgarten" ist die Schweiz heute das, was sie ist. Und so ist Heimat für uns alle von zentraler Bedeutung.

Ich habe also, wie mein jetztiges Sprechen auf das Trefflichste beweist, das grosse Los gezogen, den Reden, die wir heute zum Thema oder Moto 'Heimat' hören werden, eine Einleitung vorausschicken zu dürfen. - Nun gut. - Unglücklicherweise ist mir aber beim Schreiben dieser Einleitung aufgefallen, dass ich zu Heimat eigentlich gar nichts zu sagen habe. Heimat ist sogar eines der Wörter, die ich ohne äusseren Zwang gar nie in mein Vokabular aufgenommen hätte. Wie zum Beispiel auch 'Tells Geschoss' oder 'Rütlischwur' nicht gerade Wörter sind, die ich unter normalen Bedingungen verwenden würde.

Nun bin ich aber immerhin mitschuldig, dass das Thema heute so heisst wie es heisst nämlich Heimat und ich will mir deshalb Mühe geben, das Thema nicht nur für euch sondern auch für mich selbst interessant zu machen. Dies werde ich versuchen, indem ich einige verschiedene Richtungen anzugeben versuche, in die eine Untersuchung von 'Heimat' gehen könnte.

Mir sind insgesamt sieben Hauptstossrichtungen in den Sinn gekommen, die die Auseinandersetzung mit dem Begriff "Heimat" spannend machen könnten und ich will nun - mehr skizzen- denn gewissenhaft - diese sieben Blickwinkel kurz umreissen.

Da wäre als erstes der emotional-mystische Ansatz, der sich am 'gesunden Volkempfinden' orientierend eine 'Ueli der Knecht'-Stimmung zu verbreiten sucht und aus Heimat eine Klammerfunktion macht, die Milch, Staat und Liebe zu einem 'währschaften' Drama zusammenpappt. Ich möchte dies den 'Blut und Boden approach' nennen, mich aber lieber nicht weiter damit befassen.

Ein zweiter Ansatz der "Heimat" aus seiner Langweiligkeit befreien könnte, ist der historisch-analytische. Ausgehend von ethymologischen und begriffsgeschichtlichen Annahmen versucht dieser nachzuzeichnen, wie sich der Begriff "Heimat" im Lauf der Zeit bezüglich seines Gehaltes verändert hat. Auch sollte aus solch einer Untersuchung hervorgehen, wann das Wort "Heimat" im Sprachgebrauch aufgetacht ist und was die sozialen Bedingungen dieses Umfeldes waren.

Damit verwandt - wenngleich nicht auf eine zeitliche Abfolge fokusiert - ist der dritte Ansatz den man quantitativ-empirisch nennen möchte. Mit soziologischem Instrumentarium liesse sich durchaus eine Studie erstellen, die basierend auf Umfragen und quantitativer Auswertungsmethoden die These stark machen könnte, dass zum Beiispiel das Bruttosozialprodukt eines Landes mien einem Reliabilitätskoefizienten von so und so viel abhängig sei von der Heimatgläubigkeit der Staatsbürger. Angesichts des Resultates das bei solchen Studien jeweils erwartet werden darf, könnte man dies auch den 'show and tell' Ansatz nennen.

Ein vierter Ansatz könnte sich noch stärker der Praxis zuwenden und Heimat instrumentel einsetzen zur Verfolgung politischer Ziele. Ein Beispiel hierfür ist kürzlich von der SVP in die stadtzürcher Briefkästen gelegt worden, wo nämlich ein Unterschrifetenbogen für ein Initiativbegehren zu finden war, das in grossen Lettern vrlangt: " Einbürgerungen vors Volk!" In der Begründung auf der Rückseite deselben Blattes lässt sich die Forderung lesen:

"Der Gemeinderat erteilt das Zürcher Bürgerrecht viel zu grosszügig [...] Dieser Verschleuderung muss einhalt geboten werden." Angesichts der hiesigen Popularität solcher Anliegen nenne ich diesen Ansatz den Deutschweizer Approach.

Eine weitere Möglichkeit sich mit Heimat zu befassen besteht darin, sich in Verfassung und Gesetz nach dem Begriff "Heimat" umzusehen. Was sind zum Beispiel die Bedingungen für die Ein- oder Ausbürgerung? Was schützt der Heimatschutz? Was geschiet mit Heimatlosen? Es ist in diesem Zusammenhang übrigens interessent festzustellen, dass mit der Annahme der totalrevidierten Bundesverfassung der Begriff Heimat fast vollstandig aus der Verfassung gekippt wurde. (Er lebt einzig im Wort Heimatschutz weiter). Es lohnt sich aber die Schweizerische Bundesverfassung von 1874 zu konsultieren. Nicht dass dort definiert wäre, was unter Heimat zu verstehen sei - das wäre dann doch zu einfach - aber dort steht immerhin geschrieben, dass "ein Schweizer Bürger [...] weder aus der Schweiz noch aus seinem Heimatkanton augewiesen werden" darf (Art.44,1). Demzufolge scheint es also eher der Kanton zu sein, der Heimat verleiht, obwohl mit dieser Passage noch nicht auszuschliessen ist, dass auch die Schweiz Heimat verleiht. Liest man aber im selben Artikel nur zwei Absätze weiter so steht dort in Bezug auf Einbürgerung von Kindern ausländischer Eltern deren weiblicher Teil das schweizer Bürgerrecht einst besessen hat: "Die Einbürgerung erfolgt in der früheren Heimatgemende der Mutter." (Art.44,3) Das liesse nun darauf schliessen, dass es primär die Gemeinde ist, die einem Heimat ist. Man sieht schon jetzt , dass hier ein anderer Ansatz gefordert ist um diese SchSachlage klären zu können.

Der vernünftige Ansatz sich mit Heimat zu befassen, besteht im Versuch sich klar zu machen, was den Heimat überhaupt bedeute, was Heimat bezeichne. Es ist die der theoretisch-philosophische Ansatz. Bei diesem Ansatz beginnt man traditionellerweise mit einer Nominaldefinition und versucht sich dann irgenwie zu einer Realdefinition desselben durchzubeissen. Diesen Prozess überlasse ich gerne den Rednern des heutigen Abends. Ich möchte es mir aber nicht nehmen lassen wenigstens eine Nominaldefinition von "Heimat" schon jetzt vorauszuschicken:

"Heimat: Land, Landesteil oder Ort wo jemand aufgewachsen ist oder woher jemand /etwas stammt. Sinnverwandt: Geburtsland, Geburtsort, Heimatland, Heimatort, Herkunftsland, Ursprungsland, Vaterland, Inland; zusätzlich: Ur-, Wahlheimat." (Duden, Bd. 10, 1985, 2. Aufl.)

Für den letzten der sieben Ansätze schliesslich ist mir keine gute Bezeichnung eingefallen. Man könnte ihn vielleicht mit 'Allerhand Ansatz' oder den 'Mir-ist-nichts-rechtes-eingefallen' Ansatz bezeichnen. Eine typische Erkenntnis dieser Vorgehensweise wäre zum Beispiel, dass das Stichtwort "Heimat" von Altavista im Internet genau 148'730 mal gefunden wird, wärend mit dem Stichwort Nation 3'552'010 hits erzielt werden können.

Soweit meine kurze Einleitung. Es ist nun an euch das soeben Gehörte einer der sieben Kategorien zuzuordnen. Und wenn mir auch klar ist, dass aufgrund der beschränkten Kapazität des Kurzzeitgedächnisses sich nun vor allem der letzte Ansatz in den Vordergrund drängt, so bin ich dennoch zur Überzeugung gelangt, dass Reden zu "Heimat" nicht notwendigerweise langweilig sein müssen.
Ich bedanke mich.