Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Ein Mann ist ein Mann ist ein Mann.

Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau.

Stellt Euch vor, im Wald, frisches saftiges Grün der Bäume, die Vögel zwitschern, die Kamera schwenkt auf einen See, klares Wasser, spiegelglatt und da, ein Menschenkörper bewegt sich langsam unter dem Wasserspiegel, man erkennt nur schemenhaft eine tauchende, nackte Person und... kurz darauf verlässt sie, jetzt deutlich als Frau identifizierbar, das Wasser. Grazil bewegt sie sich über die Steine am Ufer, durch ein kurzes Stück Wald und überrascht dort in einer Lichtung eine schlafende Person, ebenfalls unbekleidet, wobei die Kamera nur den entblössten, braungebrannten Rücken filmt. Die Frau legt der schlafenden Person ein weisses Schächtelchen mit der Aufschrift LÄTTA auf den muskulösen Rücken.

Nächste Szene, die zweite Person, jetzt aufgewacht und sitzend, beisst in ein mit LÄTTA bestrichenes Knäckebrot, das ihr von der immer noch unverhüllten Frau angeboten wird. Dass es sich bei der anderen Person um einen Mann handelt kann nur vermutet werden, da ‚seine' Lende entweder nicht in den Blickwinkel der Kamera fällt oder sie dann mit einem Tuch bedeckt ist.

Was lässt sich an dieser Szene festmachen? Da ist doch eine Frau, aufgrund von bestimmten Merkmalen leicht als solche identifizierbar, und, zwar weniger deutlich, ein Mann zu erkennen. Klar, dass der Mann nur verhüllt gezeigt werden darf, während die Frau gänzlich entblösst posiert. Und noch viel grundlegender ist auch klar, dass die beiden Personen je als Mann oder als Frau bezeichnet werden. Ist doch die Frau typischerweise grazil, zartgliedrig und in diesem Falle schlank mit den gewissen Rundungen und der Mann kräftig, breitschultrig und wenn möglich braungebrannt. Bleiben wir gleich bei den Klischees, der Mann mit kurzem Haar lässt sich von der langhaarigen Frau sanft wecken und hier sogar das Essen servieren.

Aus dieser Runde mögen jetzt wohl Einwände vorgebracht werden, es handle sich hier um Klischees, die in der heutigen Gesellschaft, oder jedenfalls bei uns, nicht mehr zutreffen. Sicher kennen wir alle Männer mit langen Haaren, solche, die weniger muskulös sind oder solche, die Frauen bedienen und sich womöglich als Hausmänner betätigen. Auch Frauen mit kurzen Haaren, was schon lange keine Seltenheit mehr ist, solche, die ihre Muskeln trainieren, um den Männern ebenbürtig zu sein oder nicht mehr als klein und schwach zu gelten und dann auch solche, die ihre Karriere einer Familie voranstellen oder, die sich weigern, den Haushalt alleine zu besorgen...

Aber trotz alledem: schaut man sich Werbespots oder auch Filme an, das Klischee IST.

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wie solch ein Klischee überhaupt erst geworden ist.

Natürlich gibt es darauf keine schlüssige oder endgültige Antwort, zumal man gegensätzliche Thesen von Wissenschaftstheorien und Wissenschaftskritik findet und vertreten kann.

Geht man in der Geschichte einige Jahrtausende zurück, vermutet man dort Gesellschaften, in denen sich die Strukturen gebildet haben müssen, von denen wir heute noch geprägt sind. Das heisst, falls wir überhaupt die Möglichkeit haben, Funde so objektiv zu beurteilen, dass sie nicht lediglich auf einer Darstellung damaliger Gesellschaften als Abbilder der heutigen Situation beruhen.

Um eine Struktur in einer solchen Gesellschaft interpretieren zu können, ist es für die heutige Forschung von grosser Wichtigkeit, herauszufinden, welche Aufgaben und Aufenthaltsorte die Menschen damals hatten. Dabei wird stark zwischen männlichen und weiblichen Aufgaben differenziert, doch dazu muss zuerst festgestellt werden, wer männlich oder weiblich war.

Im Durchschnitt sind Frauen, zumindest heute, kleiner als Männer, sie sind weniger stark, haben weniger Haarwuchs, schmalere Schultern, breitere Hüften, höhere Stimme etc. Wenn aber das Bild, das wir heute von einem durchschnittlichen Mann, einer durchschnittlichen Frau haben, übertragen wird auf Personen, die zum Beispiel in der Eiszeit gelebt haben, so müsste man auch annehmen, dass sich die Menschen in dieser Zeit nicht verändert haben. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Ausserdem dürfte es schwierig sein, alle diese Merkmale an den gefundenen Skeletten festzumachen.

Dazu kommt, dass wir nicht einmal heute in jedem Fall eindeutig einen Mann von einer Frau unterscheiden können. Wenn auch Männer im Durchschnitt grösser sind als Frauen, so gibt es doch viele Beispiele, die an einzelnen Individuen das Gegenteil zeigen. Dasselbe gilt für alle anderen sekundären Geschlechtsmerkmale genauso. Und ganz eindeutig ist die Situation nicht einmal bei den primären Geschlechtsmerkmalen. Die Zahl der Hermaphroditen zum Beispiel soll gar nicht so gering sein. Dazu kommt die Zahl der Transsexuellen und die der sogenannten Missgeburten, die meiner Ansicht nach nicht einfach vernachlässigt werden darf, nur weil sie nicht in unser Schema passt.

Judith Butler hat darauf hingewiesen, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern wohl eher gesellschaftlich produziert sind, als dass sie biologisch eindeutig festgemacht werden könnten. Sie vermutet, dass alle Menschen, indem sie eine Identität anstreben, ihr Verhalten und ihr Äusseres an Identifikationspersonen messen. Die Identität kann in einer Wiedererkennung ähnlicher Formen bei anderen oder als Übereinstimmung des eigenen Verhaltens mit der Rolle und der Funktion von Mitmenschen bestehen. In den meisten Fällen läuft diese Identitätssuche auf die Geschlechtsidentität hinaus, womit die Kategorien, die die Gesellschaft produziert hat übernommen, bestätigt und gestärkt werden.

Beispielsweise prägten sich die Muskeln der Personen, die nicht an Haus und Kind gebunden waren, stärker aus. Hier ist zu beachten, dass nicht in allen Gesellschaften Frauen diese Position einnahmen.

Womöglich ergaben sich aus diesen Gewohnheiten Veranlagungen, die dann weiter vererbt wurden. Daraus folgte, dass nicht alle Menschen gleich stark sind und vor allem, dass die Muskelstärke beim einen Geschlecht grösser ist. Wobei zu sagen ist, dass das Muskelwachstum heute bei vielen Männern deutlich abgenommen hat. Das Gebundensein an einen "Bürostuhl", im Gegensatz zu der einstigen anstrengenden Arbeit auf der Jagd oder auf dem Feld, könnten dazu geführt haben. So wirkt sich also eine Deformation durch gesellschaftliche Lebensumstände heute noch aus

Was ist? und wie es geworden ist?

Das was ist, also zum Beispiel eine Frau, die der Definition einer Frau entspricht, ist genauso eine von vielen Möglichkeiten, wie ein Mann ohne Bartwuchs oder ein kleiner Mann mit breiten Hüften.

Äussere Merkmale variieren von Mensch zu Mensch. Wer will sich denn da das Recht herausnehmen und EINE Variation zur Norm erklären? Es ist doch alles einfach so, wie es ist und ein ist-zustand strebt nicht von selbst nach einer Einteilung und schon gar nicht nach einer Aufteilung in genau zwei gegensätzliche Gruppen.

Und wer definiert jetzt eine schwächere Person mit Bartwuchs und hoher Stimme als Mann? Was macht uns dabei stutzig? Und wieso haben wir überhaupt immer das Bedürfnis, alle Menschen in die beiden Kategorien Mann und Frau einzuteilen?

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Ist ein Mann ein Mann ein Mann?

Ist eine Frau eine Frau eine Frau?