Es ist wieder einmal typisch, typisch Mensch: Kein Schwein fragt sich, ob es sein Leben richtig führe; kein Krokodil vergiesst echte Tränen; keinen Wurm wurmen entgangene Gelegenheiten. Es scheint als gäb’s in der Natur weder richtig noch falsch, es scheint als sei Kultur nur diesseits von Gut und Bös‘.

Welches sind denn die Voraussetzungen der Rede von der richtige Lebensführung? Ich nenne zunächst mal drei und drei Fragen mögen sie uns erhellen:

1. Freiheit: Wie soll das arme Schwein sein Leben in die Hand nehmen, wenn es eingesperrt ist und seiner vorgegebenen Bestimmung harrt, die da wohl heisst: Parmaschinken?

2. Einsicht in Alternativen: Wie kann der Wurm seiner entgangenen Selbstverwirklichung nachtrauern, wenn er sie nicht als Alternative zu begreifen vermag?

3. Urteilskraft: Wie kann das Krokodil je in echte Tränen ausbrechen wegen seiner Schwäche mit dem Strom zu schwimmen, wenn es diese nicht als solche beurteilen kann?

Freiheit, Einsicht in die Alternativen, die uns die Freiheit eröffnet, und schliesslich die Urteilskraft zur Wertung dieser Alternativen, sind also drei Bedingungen, die erst richtige Lebensführung ermöglichen.

Das heisst nun: In diesem Sinne ist es dem Schwein nicht möglich, selber sein Leben zu führen, geschweige denn es richtig führen zu können, da ihm diese drei transzendentalen Bedingungen Freiheit, Einsicht und Urteilskraft abgehen. 

Das heisst nun aber nicht, dass es für Schweine kein richtiges Leben geben kann: Es muss bloss möglich sein, „richtig“ hier in einem Sinne von angemessen oder natürlich zu bestimmen. (Aus dieser Ecke kommen Wendungen wie „aus artgerechter Fütterung und Haltung“ auf unseren bevorzugten Lebensmittelverpackungen. Wer das Schwein gefangenhält, muss dann konsequenterweise Verantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass es richtig lebt. Übrigens kann dieser Gedankengang auch auf die nicht-lebendige Natur ausgeweitet werden. Vielleicht muss man das gar tun.)

Ein paar Worte zu diesen Voraussetzungen für die richtige Lebensführung.

Oben habe ich vom eingesperrten Tier gesprochen. Das war zwar irreführend, für die Pointe aber unerlässlich. Selbstverständlich sind wir nicht nur insofern frei, als wir nicht gerade wieder im Gefängnis Einsitz zu nehmen haben. Auch Walter Stürm ist, insofern er Mensch ist, zeitlebens frei: Zwar in seiner Bewegungsfreiheit immer wieder einmal eingeschränkt, aber immerhin hat er einen freien Willen und ist frei, dies oder jenes und nichts anderes zu wollen. (Eine Sucht kann im übrigen wohl (unter anderem) gerade deshalb als eine Krankheit bezeichnet werden, weil sie die Menschen nicht mehr anders können lässt, als schon wieder zu wollen – die Willensfreiheit ist in gewissem Masse eingeschränkt, der Mensch fremdbestimmt.)

Was die Alternativen betrifft, nur dies: Es ist klar, dass wir die Augen aufmachen müssen, um zu sehen, welche Wege gangbar sind, zu sehen, welche bereits gegangen worden sind, und welche wir vielleicht selber bahnbrechend, wegbereitend vorausgehen können. Dazu gehört sicher ebenfalls das Zurückgehen, auch wenn das dann unter Umständen heisst: gegen den Strom zu schwimmen.

Das bringt mich auf den dritten Punkt, das Vermögen zu urteilen, zu bewerten, welches die richtige Lebensführung ist. Die Schwierigkeiten mit dem Wort „richtig“ bringt Wittgenstein 1930 zur Sprache in seinem Vortrag über Ethik vor einem Verein der „Heretics“:

„Soweit es um Tatsachen und Sätze geht, gibt es … nur relativen Wert und relativ Gutes, Richtiges usw. … (ich möchte dies) an einem recht naheliegenden Beispiel veranschaulichen. Die richtige Strasse ist die Strasse, die zu einem willkürlich im voraus festgelegten Ziel führt, und es ist uns allen völlig klar, dass es keinen Sinn hat, unabhängig von einem solchen vorher bestimmten Ziel über die richtige Strasse zu reden. Nun wollen wir einmal schauen, was wir möglicherweise unter dem Ausdruck „die absolut richtige Strasse“ verstehen könnten. Ich nehme an, es wäre die Strasse, die jeder, wenn er sie erblickte, mit logischer Notwendigkeit gehen müsste; ginge er sie nicht, müsste er sich schämen. Das gleiche gilt für das absolut Gute; wäre es ein beschreibbarer Sachverhalt, müsste ihn jeder – unabhängig von seinen jeweiligen Vorlieben und Neigungen – notwendig herbeiführen oder sich schuldig fühlen, weil er ihn nicht herbeiführt.“(1)

Wittgenstein verweist darauf, dass wir in unserer Rede über Ethisches offenbar ständig Gleichnisse verwenden und das Problem das er damit hat, ist, dass ein Gleichnis ein Gleichnis für etwas sein muss. Die Annahme, dass es ein solches Etwas gäbe, ist jedoch für Wittgenstein ein Hirngespinst:

„Es gibt keinen Sachverhalt, der … die Zwangsgewalt eines absoluten Richters besitzt.“(2)

Etwas früher, im Tractatus, formuliert Wittgenstein:

„Der Sinn der Welt muss ausserhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert – und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.“ (Tractatus 6.41.)

Aber was ist dann das, was uns allen vorschwebt, die, wie Wittgenstein, dennoch versucht sind, Ausdrücke wie „das absolut Gute“, „absoluter Wert“, „richtige Lebensführung“ zu verwenden – was ist das, was wir uns bemühen zum Ausdruck zu bringen?(3)

Nun, Platon würde seinem Sokrates in den Mund legen: „Schau nicht, sondern denke!“ und uns mit Sokrates auf die Suche nach der Idee des Guten schicken, bis wir schliesslich erschöpft die Anamnese aufgeben. Ob uns das und die Ideenlehre weiterhilft? Lassen wir wieder Sokrates sprechen:

„Ich will das … nicht fest vertreten, aber dass wir in dem Glauben, suchen zu müssen, was man nicht weiss, besser werden und mutiger und weniger träge, als wenn wir meinten, dass wir das, was wir nicht wissen, auch gar nicht finden können und dann erst gar nicht zu suchen brauchen, dafür möchte ich allerdings kämpfen, wenn ich könnte, mit Wort und Tat.“(4)

Soweit ist alles Wort und bare Theorie. Was bisher ausser Acht gelassen wurde ist dies: Wenn wir herausgefunden haben, welches die richtige Art zu Leben ist, dann müssen wir es auch noch führen, müssen die Zügel selber in die Hand nehmen und unser Leben in den Griff bekommen, damit wir uns nicht zügellos dahintreiben und uns von wer weiss was allem verführen lassen und endlich womöglich noch auf die schiefe Bahn geraten. Wegweisend soll dabei immer die Erkenntnis des richtigen Lebens sein.

Diese vierte – praktische – Voraussetzung der Rede von der richtigen Lebensführung ist für Sokrates und Platon eine klare Sache:

„… Erkenntnis und Theorie, ist immer auf das Handeln bezogen, (auf) die Praxis. Darum hat wahres Erkennen richtige Lebensführung zur Folge und (darum) ist mangelnde Erkenntnis die Ursache für alles Übel.“(5)

Wir müssen also unserer Freiheit kraft unserer Freiheit im Blick auf dasjenige, welches wir in gemeinschaftlicher Auseinandersetzung als richtig erkennen, Grenzen setzen und – uns im Kantischen Sinne selber das Gesetz geben wollen!

Warum wir aber unsere Freiheit selber einschränken wollen sollen – das ist eine andere Geschichte.



(1) Ludwig Wittgenstein: „Vortrag über Ethik“. In: Ders.: Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Hg. u. übers. von J. Schulte. Frankfurt a/M. 1989. 13-4.
(2) Ebd.
(3) S. ebd.
(4) Menon 86b-c.
(5) http://www.dataway.ch/~mbaumann/akzessfile.htm. – Wer, wie ich am Samstag, 27. März unter www.sear.ch nach dem Ausdruck „richtige Lebensführung“ schweizweit gesucht hat, ist auf den genannten Link gestossen. Der erste Satz, in dem der genannte Ausdruck vorkommt, hat so genau an die Stelle gepasst, an der ich grade gearbeitet habe, dass ich ihn – ohne in der Rede darauf hinzuweisen – zitiert habe. :-)