Eine Tischrede, meine Damen und Herren, soll nicht in umständlich sein. Das Thema wird nicht lange eingeführt noch intellektuell aufreibend ausgeführt. Das Gegenteil, das Implizite, Rätselhafte ist wohl auch nicht gefragt. Denn die Rede dient der Förderung der Verdauung und nicht der Störung. Ist Unterhaltung gefragt? Gewiss, leicht bekömmliche Kost, jedoch mit ansprechendem Abgang, schliesslich befindet man sich hier in einem gewissen Kreise.

Diese Rede soll Sie nicht unterhalten. Sie soll im Sprunghaften andeuten. Nicht rundend abschliessen sondern eröffnen. Die Gedanken zu weiterem Denken anstiften, und so, um Kant zu zitieren, „dem Gemüt die Aussicht auf ein unabsehliches Feld“ (1) ermöglichen. Dieses Zitat verweist darauf, dass die Anstiftung sich der Freiheit der Einbildungskraft (Phantasie) bedient, um die Begriffe des Verstandes um den Verstand zu bringen beziehungsweise zu erweitern.

Die richtige Lebensführung.

Drei Wörter nacheinander lesbar, hörbar: richtig, Leben, Führung. Aneinandergekettet springt der Sinn. Es handelt sich wohl um eine ethische Frage. Tausende von Antworten lagern in den Hallen der Vernunft. Beantwortbar wäre diese Frage dann in der Weise der alten Griechen, Stoiker&Co. oder in Anschluss an Kant „Was soll ich tun?“, oder in Verweis auf Foucault, Ethik der Selbstsorge. Kurz, philosophische Autoritäten noch und noch, deren Aufrufung die eigenen Ausführungen in diese Linie der grossen weisen Väter einreihen und als genuin philosophische ausweisen und etablieren würde.

Abgesehen davon, dass hier kein Philosoph spricht, und man mittlerweile weiss, was für eine Störung der Tradition (des philosophischen Diskurses) dies ist, eine Störung nicht subjektiv-intentionaler Art sondern struktureller Art: ich habe nicht die Absicht zu stören, aber dieses Ich ist weiblich bestimmt, der Sonderfall, klassischerweise auch hier.

Worum geht es dann, wenn nicht um die Störung alleine und auch nicht um die Einreihung in die Linie der grossen Denker?

Drei Wörter nacheinander lesbar, hörbar: richtig, Leben, Führung. Auseinandergezerrt ein Befremden. Dieses Befremden wird im folgenden ins Reich der Sprache, ins Reich der sinnvollen Laute eintreten, eintreten auch hier, in diesen Raum und diese Zeit.

Die richtige Lebensführung.
Wer stellt diese Frage? Woher kann sich diese Frage stellen, was muss das für ein Ort sein, an dem eine solche Frage sich einstellen kann: über ein Leben verfügen, es im Griff haben, es planen und bestimmen können.

Auseinandergezerrt ein Befremden.

Führen. Zuerst, assoziativ: ein schreckliches Wort. Man führt Unternehmen, Herden, Gruppen, Menschenmassen. Die Assoziationen stellen sich über die Geschichten, die diesem Wort eingelagert sind, ein. Führen. Leading position. Leading person. A Leader. His a leader. In der Fremsprache fällt die schrecklichste aller Geschichten, die diesem Wort innewohnt, aus und ist doch da. Kann nicht abgewiesen werden. Eine Erinnerung. Worte sind Erinnerungsträgerinnen. Die Erinnerung wird bei einer begrifflich-semantischen Zergliederung ausgeklammert, findet nicht statt.

Richtig. Richtig - Falsch. Ein falsches Leben – kein richtiges Leben führen. Überhaupt kein Leben führen können – diese Möglichkeit schliesst die Frage aus. Wäre das dann das falsche Leben? Dass das Leben nicht führbar ist. Welches Leben? Das eigene, das anderer?
Ein ganzes Leben richtig führen – Herrschaftswahn eingeschrieben in diese nüchterne Biederkeit, wie sie einer Unzahl philosophischer Fragen eigen ist, wo das Gutgemeinte umschlägt in Machtansprüche und Dominanzbegehren. 
Festhalten – etwas was sich ereignet, was geschieht, was verführt und durchschlägt die Eingeweide. Fassen – ein paar Bilder, etwas, wie Erinnerung. Am Rande stillstehen, zusehen, wie etwas abläuft, in gleichgültiger Folge. Begreifen – etwas was in die disziplinierten Hirnfasern diejenigen Sätze eintreibt, deren formallogische Ungültigkeit sie aus dem Bannkreis des Logos verstiess. Widersprüche. Etwas das einfach nur geschieht und keine Antworten gibt.

Ein Leben ist eine seltsame Angelegenheit. Die Frage nach ihm wird mit der Fragestellung dieses Abends aus der Perspektive der Verfügbarkeit gestellt– man verfügt darüber, wie man über Geld, Autos und weibliche Geschlechtsteile verfügen kann. Aber diese philosophische Frage nach der richtigen Lebensführung lässt in ihrer vermeintlichen Allgemeinheit gerade solche Überlegungen an ihrer Glätte abperlen, es geht nie um Lust, nie um Macht, nie um Geschlecht.

Was also soll ich tun? Vielleicht wäre der ontologische Status von Leben zu ergründen. Gewiss muss zuerst die Frage „Was ist Leben“ geklärt werden. Erst dann kann auf sicherem Fundament danach gefragt werden, was denn hier überhaupt zu führen ist.

Das Leben richtig führen, es anleiten, es hinter mir herziehen, es anketten.
Das Leben verführt, es entführt dem Selbst das Ich. Nach solchen Entführungen ist das Ich angereichert um eine weitere Schicht, einen neuen Duft, einen unglaublichen Geschmack mehr demjenigen Medium näher, das Hegel „absolutes Wissen“ (2) nennt. Schön für Hegel, hatten seine Entführungen und Umkehrungen des Bewusstseins eine teleologische, zielbestimmte Ausrichtung. Dieses Ziel ist in seiner totalitären Anspannung und seinem Weitsinn in der europäischen Geschichte abhanden gekommen. Es hat sich im Spiel der realgewordenen Möglichkeiten gründlich disqualifiziert.

Ich führe kein Leben. Das Leben verführt mich, immer wieder neu. Sich verfangen, übergeben, verlieren, auftauchen mit gesprengten Sternen auf dem Rücken. Und ich habe kein Leben, weil das Leben mich hat. Das Leben, das mich hat – aufstehen müssen, ausgeliefert, die Bedingungen nicht ändern können und doch die Möglichkeiten weiten wollen. Ohnmacht und Wünsche. Abhängigkeit und Spiel.

Bleibt noch ein Wort, klebt auf der Zunge, mathematischer Kitt. Richtig. Endlich richtig leben (nach Jahren der Unterdrückung) oder endlich ein Leben führen (nach Jahren der Ohnmacht, des psychischen oder phsysischen Todes). Die sozialpolitischen Variablen eingestreut windet sich die ethische Kategorie „richtig“. Religiös und metaphsysisch entblättert greift eine Sinnleere dieses Wort „richtig“ an. Frage einer mathematischen Gleichung? So vielleicht wäre die Frage dieses Abends zu beantworten.
Das Leben richtig führen – dieser Ausdruck enthält die Vorstellung, dass man das Leben in den Griff bekommt. Was führt man? Eine Mannigfaltigkeit von Geschehen, eine chaotische, sich fortwährend verändernde Ansammlung von Ereignissen, die man dann rückblickend ein Leben, das heisst wohl eine eigene konsistente, sinnvolle, widerspruchsfreie Geschichte nennen kann. Dieser Blick, er ist eine Illusion. Seziert und auf das Skelett reduziert glänzen fad und fleischlos die Knochenplatten einer verrückten und verrückenden Mannigfaltigkeit.

(1) Kant, Immanuel, 1990: Kritik der Urteilskraft. (1790) Hg. v. Karl Vorländer. Hamburg.
(2) Hegel, G.W.F., 1970: Phänomenologie des Geistes. (1807) Frankfurt/M.