Werte Anwesende,

wollt Ihr 'Festen'? Wollt Ihr Grün oder Gelb? Wollt Ihr dogmatische Fragen? Die Antwort kann und muss, ja darf nur lauten: Nein. Natura non facit saltus, und schon gar nicht in Fragen der richtigen Lebensführung. Stattdessen möchte ich vorschlagen, dass wir um die Gunst der Muse buhlen, ja sie überhaupt erst küren, d.h. einer Spur folgen, einer Spur, die ihre Zeichen weit in die Vergangenheit eingeschrieben hat: Die Rede ist von einem Weg, von seiner anfänglichen Spur eines Bilderbuchbildungsbürgers zum Ende des Bildungsbürgerbilderbuches. Am Anfang dieses Weges steht ein kleiner Aufenthalt im Musaion. Dort hören wir ein Wort des Dichters, der unsere Muse besingt:

„An Diotima
Komm und besänftige mir, die Du einst Elemente versöhntest,
Wonne der himmlischen Muse, das Chaos der Zeit!
Ordne den tobenden Kampf mit Friedenstönen des Himmels,
Bis in der sterblichen Brust sich das Entzweite vereint,
>Bis der Menschen alte Natur, die ruhige Grosse,
Aus der gärenden Zeit mächtig und heiter sich hebt!
Kehr' in die dürftigen Herzen des Volks, lebendige Schönheit,
Kehr' an den gastlichen Tisch, kehr' in die Tempel zurück!
Denn Diotima lebt, wie die zarten Blüten im Winter,
Reich an eigenem Geist, sucht sie die Sonne doch auch.
Aber die Sonne des Geists, die schönere Welt, ist hinunter,
Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nun."

Das war nicht der Dichter Trakl, sondern der Dichter Hölderlin, übrigens aus einer Ausgabe, die mit dem Ausdruck „Geistiges Brot" übertitelt ist. Im Wissen um die Person des Dichters können wir mit Fug und Recht behaupten: Mit der Lebensführung haperte es bei beiden nicht unbeträchtlich: Der eine war mit MCGWF Hegel im Tübinger Stift, der andere hat sich gar umgebracht. Letzteres kann man finden, wie man will - schlussendlich bleibt es jedoch indiskutabel. Bleibt also das Wort von Hölderlin. Was lernen wir daraus? Zunächst und zumeist, dass Hölderlin mit Hegel im Tübinger Stift gewesen war und offensichtlich zeitlebens drunter litt: „Versöhnung", ein „tobender Kampf", die „Vereinung des Entzweiten", Ansätze von „Aufhebung" und immer wieder „Geist". 
Oh weh! Soviel metaphysisch-dialektische Ballaststoffe- das kann nicht gut gehen. Was Wunder, dass angesichts so fetter geistiger Nahrung des Dichters Aufruf, der gärenden Zeit und den gastlichen Tischen und Tempeln zuzusprechen, etwas blutleer erklingt. Unten, im Magen des Dichters, wälzen sich die schwer verdaulichen Hegelianismen durch den gewundenen Orkus, und zankende Orkane schreien nach augiastischen Flatulenzen, welche unsere Muse übertönen. Hehrer, holder Hölderlin, hättest halt besser hingehört in den gastlichen Gefilden der Diotima, statt im Wallhall Hegels!! Ganz anders übrigens dieser selbst: Auf den leicht irritierten Vorwurf, sein absoluter Geist sei ja gar nirgends in der Welt zu finden, erwiderte Hegel mit unübertreffbarer Schnödheit: „Um so schlimmer für die Welt!" und genehmigte sich eine Priem und einen kräftigen Schluck aus dem Sauerkrautfass.
Und Diotima? Kaum begonnen, gerät unserem Weg ein Stock zwischen die Beine, wir bleiben also noch ein Weilchen im Musaion. Denn wer war unsere Muse eigentlich?
Platon gibt uns davon in seinem Symposion bekanntlich Kunde. Diotima ist Sokrates' Meisterin in Sachen Eros. Diotima-Domina ist die weise Matineerin, die dem alten Klugscheisser Sokrates, der ja nicht mal schreiben konnte, gehörig die Leviten liest und ihn in seine schwarz-weiss dihairetischen Schranken weist. Im Laufe ihrer sanften Belehrung, nur bisweilen unterbrochen durch das Gedruckse des Sokrates – „Gewiss, o Diotima", „In der Tat, o Diotima", „Wie könnte es anders sein, fürwahr, o Diotima" – während dieser Wohltat auf Papier also erzählt uns Diotima die Zeugung des Eros:

„Als nämlich Aphrodite geboren war, schmausten die Götter, und unter den übrigen auch Poros, der Sohn der Metis. Als sie nun abgespeist, kam, um sich etwas zu erbetteln, da es doch festlich herging, auch Penia und stand an der Tür. Poros nun, berauscht vom Nektar, denn Wein gab es noch nicht, ging in den Garten des Zeus hinaus, und schwer und müde wie er war, schlief er ein. Penia nun, die ihrer Dürftigkeit wegen den Anschlag fasste, ein Kind mit Poros zu zeugen, legte sich zu ihm und empfing den Eros." (Symp. 203b)

Wohl nun Freundin, denn Du hast gut gesprochen, o Diotima! Drogen, Sex, Gewalt und eine wunderbare Aktualität in der Sprache des Übersetzers, auch wenn es noch keinen Wein gab, sondern nur Nektar. Die Götter haben „abgespeist". „Abgespeist"! Beischlaf und Empfängnis des Eros ist ein gewalttätiger Anschlag, und alles ensteht anlässlich des Taufessens der schaumgeborenen Aphrodite, bei dem eine unterernährte Halbgöttin mit dem sinnigen Namen ‚Penia' Hunger mit Sex kompensiert. Wir sehen ohne Mühe: Das alles ist heute kein bisschen anders ...
Ha! Hölderlin! Hättest Du Dir wenigstens ein Beispiel am guten alten Platon genommen! So müssen wir Dich und Deinen grossen Bruder Hegel nun leider vergessen. Stattdessen stellen wir erstaunt fest, dass aus der Kontemplation in Diotimas Musaion eine nette kleine Milieustudie geworden ist. Wollen wir das? Als Anfang der Tischreden uns Diotimas griechische Zoten kolportieren zu lassen? Hellenistische Perversionen, in denen wir den traurigen Zustand des Hier und Jetzt wiedererkennen können? Wohl kaum.
Was aber bleibt? Es bleibt die Frage nach dem Sinn von Tischreden. Es bleibt die Frage nach Diotima, unserer Muse, die die Zeitgärung begleitet, Gasttischchen deckt und Tempel bestellt. Es bleibt die Frage nach dem Musaion, in dem die Götter schmausen und der Wein fliesst. Brauchen wir dazu hegelsche Lyrik, platonische Kompensationen und Bilderbuchbildungsbürgertümer? Nein. Brauchen wir rhetorische Fragen? – Vielleicht.
Klappen wir das Bildungsbürgerbilderbuch doch einfach zu und - gnoti té auton – stellen wir uns hin und wieder im stillen Musaion des Selbst, in der Einkehr der Eigentlichkeit, eine kleine Frage: Was erzähle ich hier eigentlich!? Und: Könnte ich den ganzen Sermon auch vor Leuten beispielsweise im Hier und Jetzt halten? Und wenn wir uns diese Frage an uns selbst stellen, so sind wir bestellt für die ureigenste Diotima-Frage, so wie sie sich Musils Mann ohne Eigenschaften namens Ulrich stellt:

„Ulrich wütete im geheimen, aber eigentlich war er tief erschrocken. So weit ist es also gekommen, dass dieses Riesenhuhn genau so redet wie ich? fragte er sich. Er sah Diotimas und seine Seele wieder in der Gestalt eines grossen Huhns vor sich, das einen kleinen Wurm aufpickt. Uralter Kinderschreck [...] griff nach ihm, vermischt mit einer anderen merkwürdigen Empfindung; er fand es angenehm, von der dummen Übereinstimmung mit einem ihm verwandten Menschen gleichsam seelisch aufgezehrt zu werden."

Das ist es: Seelisch aufgezehrt werden von der dummen Übereinstimmung mit verwandten Menschen! Eine übersättigte Funktion sozusagen. Werte Anwesende, ich hoffe, Sie sehen das genauso.

Ich danke Ihnen.