Der Prozeß, von dem hier die Rede sein soll, liegt schon lange zurück, und es schien, als sei schon alles darüber gesagt, was der Rede wert ist. Doch heute, meine Damen und Herren, habe ich die Ehre und das große Vergnügen, euch eine archäologisch-juristische Sensation zu präsentieren: Während der Vorbereitungen zur letzten Olympiade in Athen ist bei den Bauarbeiten für das olympische Dorf – und zwar bei den Aushebungen für das Fundament eines Hauses, das hernach die liechtensteinischen Leichtathleten beherbergen sollte – ein sensationeller Fund gemacht worden: eine Schriftrolle, perfekt erhalten, ein längst verloren geglaubtes Gerichtsprotokoll. Man hatte sich immer gefragt, was damit passiert war. Man wußte von seiner Existenz, doch nicht von seinem Verbleib. Wer dieses aufschlußreiche Dokument gelesen hat, kann sich auch lebhaft vorstellen, wer Grund gehabt haben könnte, es unter Verschluß zu halten. Macht euch auf eine ungeheuerliche Enthüllung gefaßt. Das Dokument ist glaubwürdig, trotz eines etwas eigenwilligen Stils – der Gerichtsschreiber, der Autor des Protokolls, ist, das muß man sagen, alles andere als unparteiisch und objektiv. Immer wieder mischt er seine persönliche Meinung in die Darstellung der Fakten. Und nicht zuletzt empfiehlt sich das Dokument uns Heutigen durch – seine Kürze. Ganz ehrlich, wer hat heutzutage noch Zeit? Und dann noch Zeit, zu lesen? Kurzversionen, Synopsen und Reader's Digest-Fassungen haben Hochkonjunktur, sogar die altehrwürdige Neue Zürcher Zeitung versucht ihre Leserschaft durch Kurzzusammenfassungen der Weltliteratur an sich zu binden. Und wenn nicht einmal NZZ-Leser für die Klassiker ein Zeitfenster übrig haben, wer dann? Habt ihr etwa Zeit? Ich ganz bestimmt nicht. Es ist ja inzwischen verdächtig, geradezu anstößig, Zeit zu haben. In diesem Sinne will ich, geschätztes Publikum, die Präliminarien abkürzen, und nun dieses erstaunliche Dokument vorlesen.

 

Aktenzeichen 399/270/2

Aufgezeichnet vom Gerichtsschreiber Aiantodoros

In der Sache: Meletos, Anytos und Lykon gegen Sokrates tagt das athenische Volksgericht unter dem Vorsitz des Archon Basileus.

Anwesende: Neben den Klägern und dem Angeklagten, so, wie es das Gesetz vorschreibt, 501 Richter: nämlich durch das Los bestimmte, unbescholtene athenische Bürger über 30 Jahre. Zudem Unmengen an Publikum.

 

Der Angeklagte: Sokrates, 70 Jahre alt, Bürger von Athen, Angehöriger der Phyle Antiochis, Sohn eines Bildhauers und einer Hebamme. Beruf: unbestimmt. Hat wie sein Vater die Bildhauerei gelernt, übt diese Kunst aber offenbar nicht aus. Nennt sich Philosoph (daß ich nicht lache: ein Herumtreiber, wenn man mich fragt. Man sieht ihn ja tagein tagaus irgendwo auf der Agora herumlungern und schwatzen, umringt von Jünglingen, die meisten auffallend gutaussehend, abgesehen von diesem Platon, der macht immer eine Miene wie Regenwetter. Ständig dackelt er hinter den andern her und schreibt alles auf, was gesagt wird). Zivilstand: verheiratet mit Xanthippe (da kann Sokrates einem ja fast leid tun), drei Söhne namens Lamprokles, Sophroniskos und Menexenos, die zwei letzteren noch Kinder (bei seinem Alter und an seiner Stelle würde ich mir ja einige Fragen bezüglich der Treue von Xanthippe stellen, zumal er ja nie zu Hause ist). Vermögenswerte: keine, arm wie eine Tempelmaus. Öffentliche Ämter: Gelegentlich Ratsherr. Vorstrafen: Keine, zum ersten Mal vor Gericht. Besondere Kennzeichen: Glubschaugen, Himmelfahrtsnase, Wulstlipppen. Anwalt: Keiner, der Angeklagte verteidigt sich selbst.

Die Kläger: Meletos, Tragödiendichter; Anytos, Besitzer einer Gerberei und Politiker; und Lykon, Rhetor, alle drei unbescholtene athenische Bürger. Die Anklage wurde ordnungsgemäß schriftlich eingereicht beim Archon Basileus und anschließend auf der Agora ausgehängt.

 

1 Anklage

Die Ankläger Meletos, Anytos und Lykon treten auf. Anytos verliest die Anklage: »Sokrates verstößt gegen die Staatsgesetze, indem er nicht an die Götter des Staates glaubt, sondern statt dessen andere und neue Dämonen einführt. Außerdem verstößt er gegen die Staatsgesetze, indem er die Jugend verdirbt.« Dann wendet sich Anytos an die Richter: Sokrates sei ein gottloser Geselle, der alles und jedes in Frage stelle, und ein arglistiger Verführer, mit allen Wassern der Redekunst gewaschen, der es ausgezeichnet verstehe, ahnungslose Jünglinge zu verwirren, ihnen ein X für ein U vorzumachen. Man müsse seinem verheerenden Einfluß auf die Jugend ein Ende machen. Zu lange habe Sokrates, dieser Sittenstrolch, schon sein Unwesen getrieben. Ob die Richter denn wollten, daß ihre eigenen Söhne so endeten wie Sokrates? Man stelle sich vor: Hunderte von Sokrates-Kopien, Tagediebe, die vorsätzlich auf der Straße herumlungerten, jedem Passanten Löcher in den Bauch fragten, und auf jeden Befehl ihrer Eltern und Vorgesetzten mit einer Gegenfrage antworteten? Nicht auszuhalten. Die Republik würde stillstehen, zusammenbrechen. Bla bla bla Ehre bla bla Gottesfurcht bla bla Vaterland bla bla Demokratie bla bla Werte bla bla bla unsere Kultur bla bla. »Die beantragte Strafe«, schließt Anytos, »ist der Tod«. (Ein Raunen geht durch die Menge, von den Freunden des Sokrates, die im Publikum sitzen, kommen laute Buhrufe. Kriton ist da, Lysanias, Apollodoros, die üblichen Verdächtigen. Platon sitzt mittendrin, kritzelt natürlich wieder irgendwelche Notizen, schaut nicht mal auf. Bestimmt will er aus dieser Verhandlung wieder einen seiner langweiligen Dialoge machen.

Komisch eigentlich. Ich könnte schwören, ich hätte Platon neulich beim Apollotempel mit Meletos und Anytos rumstehen sehen. Was die wohl miteinander zu schaffen hatten?)

 

2 Verteidigungsrede des Sokrates

Der Angeklagte tritt unter Pfiffen und Gejohle zum Rednerpult und verwahrt sich zunächst in einer kunstvollen Rede, die an die zehn Minuten dauert, dagegen, ein kunstvoller Redner zu sein – wie es seine Ankläger behauptet hatten. Wortreich verspricht er, einen schlichten Vortrag in ungesuchten Worten zu liefern. Die Richter sollen von ihm die volle Wahrheit vernehmen.

Dann schweift er vollends vom Gegenstand der Gerichtsverhandlung ab. Er will jetzt noch nicht auf die eigentliche Anklage antworten, sondern auf gewisse »frühere Anschuldigungen«, womit er offenbar die Gerüchte und das allgemeine Gerede über ihn meint. Kurz, er möchte erklären, warum er eigentlich so unbeliebt ist. (Unter den 501 Richtern steigt unwilliges Gemurmel auf. Na, beliebter macht er sich mit seiner Rede gewiß nicht. Merkt er denn nicht, wie die Richter die Geduld verlieren? Die haben ja nicht den ganzen Tag Zeit. Nach diesem Fall hier müssen die noch über einen Geflügel-Diebstahl, drei Korruptionsfälle und ein Insider-Geschäft befinden. Als ob man sonst nichts zu tun hätte.)

Ungerührt fährt der Angeklagte fort, der Grund für seinen schlechten Ruf und seine Unbeliebtheit sei: seine Weisheit. (Vereinzelte Lacher im Saal.) Doch als Zeugen ruft Sokrates den Gott Apollo an, den Schutzherrn des Orakels in Delphi! Die Pythia, die Seherin nämlich, habe gesagt, kein Mensch auf der Welt sei weiser als Sokrates. (Tosendes Gelächter.) Nein wirklich, sagt Sokrates, er habe es selbst ja auch nicht glauben können. Darum habe er nach Kräften versucht, das Orakel zu widerlegen und jemanden zu finden, der weiser sei als er. Wann immer man ihm gesagt habe: Dieser oder jener Mann ist weise, habe er das Gespräch mit ihm gesucht. Doch jedesmal habe sich zu Sokrates’ Bestürzung herausgestellt, daß der betreffende Mann eigentlich nichts rechtes wisse, gleichzeitig aber glaube, vieles zu wissen. So sei er jedes Mal zu dem Schluß gekommen, daß er, Sokrates, doch weiser sei, denn der andere bilde sich ein, etwas zu wissen, während er, Sokrates, sich zumindest seiner Unwissenheit bewußt sei. Anschließend habe er jeweils versucht, dies seinem betreffenden Gesprächspartner klar zu machen. So habe er sich viele Feinde geschaffen (mein lieber Schwan, kein Wunder).

Zunächst habe er die Staatsmänner untersucht – der Angeklagte drückte sich zwar etwas gewählter aus, aber das Fazit war: alles eingebildete Dummköpfe. Dann sei er zu den Dichtern übergegangen – es ist ja Mode geworden, in aktuellen Angelegenheiten die Dichter um ihre Meinung zu fragen –  und er habe ihnen ein paar Fragen nach ihren Werken gestellt und dabei festgestellt, (ich muß das jetzt mal zitieren): »Nahezu alle Anwesenden wußten besser als die Dichter Bescheid zu geben über die Werke, die diese selbst verfaßt hatten. Es wurde mir binnen kurzem klar, daß ihre Werke nicht Früchte der Weisheit sind, sondern einer gewissen natürlichen Anlage und einer Begeisterung, wie sie sich bei den Wahrsagern und Orakelsängern findet. Denn auch diese sagen vielerlei Schönes, sind sich aber des eigentlichen Sinnes dessen, was sie sagen, nicht bewußt. Zugleich bemerkte ich, daß ihre dichterische Begabung sie zu dem Glauben verleitet, auch in allen übrigen Dingen, von denen sie nichts verstehen, an Weisheit alle anderen zu übertreffen.« Schließlich habe er sich an die Handwerker gewandt in der Annahme, wenigstens die verstünden etwas von einer konkreten Tätigkeit. Das sei auch tatsächlich der Fall, nur verleite das praktische Wissen, das die Handwerker besäßen, sie zu dem Irrglauben, auch in allen anderen Gebieten Bescheid zu wissen, und er stellte sich die Frage: Was würde ich vorziehen, zu sein wie die Handwerker, oder aber »der zu bleiben, der ich bisher war, also weder weise zu sein auf die Art dieser Handwerker noch auch ihren Unverstand zu teilen. Die Antwort, die ich mir und dem Orakel gab, lautete dahin, es sei besser für mich, zu bleiben wie ich bin.« Empörte Zwischenrufe: »Arrogantes Arschloch!«

Man solle ihm das nicht als Arroganz auslegen, entgegnet der Angeklagte ganz ruhig, all das zeige nur, wie wenig menschliche Weisheit wert sei – aber inzwischen hat er auch den hinterletzten Richter gegen sich aufgebracht! Denn jeder von ihnen ist ja wohl entweder Staatsmann oder Handwerker, und jeder hat schon mal in seiner Freizeit gedichtet! Das grenzt ja an Selbstmord, was er treibt!

Die Freunde des Sokrates im Publikum machen lange Gesichter. Apollodoros greift sich an die Stirn, Antiphos vergräbt das Gesicht in den Händen. Nur Platon hängt wie verzückt an Sokrates’ Lippen. Glaubt er etwa den Quark mit Apollo und dem Orakel? Das Verhältnis zwischen den beiden war mir eh nie ganz klar. Zuerst schien es, war Platon hin und weg von dem ›großen Philosophen‹ und folgte ihm überallhin wie ein Schatten, aber inzwischen... Wenn man die beiden zusammen auf der Agora sieht, guckt Platon den Alten manchmal so an, als ob er ihn verachte. Ich für meinen Teil glaube ja, Platon ist pragmatischer als man gemeinhin denkt. Er ist ein Mann der Bücher, schon lange hält er die sokratische Methode, die Leute, einen nach dem anderen, persönlich zu bekehren, für ineffektiv. Wieviel mehr Menschen man durch Bücher erreichen kann! Sokrates kann damit nichts anfangen, er hält Bücher für neumodisches Zeug, er sagt, die Wirkung sei dahin, wenn man nur die Worte, und nicht die Person selbst vor Augen hat. Mein Schwager, der mit Platon Sportunterricht hatte – völlig unsportlich übrigens, dieser Platon – hat mir einmal erzählt, Platon habe darüber gestöhnt, daß Sokrates immer in seine Dialoge reinfunke. Ständig müsse er streichen und korrigieren, weil Sokrates darauf besteht, diesen Satz nie gesagt und jenen nicht so gemeint zu haben. Das sei der Nachteil, wenn man als Schriftsteller am lebendigen Stoff arbeite, er, Platon persönlich, sei in der Kunst eher ein Freund von Stilleben. Außerdem wolle keiner seine Bücher kaufen, alle sagten, das Gequassel hörten sie doch schon täglich auf der Straße, und erst noch gratis, Sokrates lauere ihnen oft genug auf mit seinen Fragen, dafür wollten sie nicht auch noch Geld ausgeben. Naja, zurück zur Verhandlung.

Endlich bequemt sich der Angeklagte, auf die eigentliche Anklage zu antworten: Gottlosigkeit und Verderbnis der Jugend. Er nimmt Meletos, seinen Ankläger, ins Verhör. Da hat er sich natürlich dem dümmsten der drei Ankläger ausgesucht, dieser alte Fuchs. Er beleidigt Meletos ein bißchen, und stellt ihn als einen Mann dar, der sich für die männliche Jugend nur interessiert, sofern sie gut aussieht. Es gibt vereinzeltes Gelächter. Meletos läuft rot an und krächzt hysterisch, Sokrates glaube an gar keine Götter, nicht einmal die Sonne und der Mond seien für ihn Götter, und wie verderblich diese Lehre für die.... die.... Jugend! ...  sei, sei wohl sonnenklar!

Das liege ihm fern, entgegnet Sokrates, scheinbar entrüstet, nie im Leben würde er wie Anaxagoras behaupten, die Sonne sei eine Art großer Stein, der brenne, und der Mond sei eine Art kleinere Erde. Solchen groben Unfug würde er niemals verbreiten. Außerdem verheddere sich Meletos in Widersprüche. Er behaupte in der Anklageschrift, Sokrates glaube an keine Götter, aber an Dämonen, und Dämonen seien doch etwas Göttliches, nämlich Söhne von Göttern. Also behaupte Meletos ungefähr das Folgende: Sokrates ist schuldig, weil er nicht an Götter glaubt, sondern an Götter glaubt. Dem tumben Meletos fällt dazu natürlich nichts mehr ein. Sokrates entläßt ihn, und Meletos geht ganz benommen an seinen Platz neben Anytos und Lykon zurück. Letztere würdigen ihn keines Blickes.

Doch kaum hat Sokrates für einmal gegen seine Ankläger gepunktet, macht er einen ungeschickten Schachzug: Man habe gesehen, sagt er, wie haltlos die Anschuldigungen gegen ihn seien. Er sei unschuldig. Mehr noch, er sei sogar stolz auf die Tätigkeit, die man ihm vorwerfe: Selbst wenn die Richter ihn laufen ließen mit einer milden Geld- oder Gefängnisstrafe, würde er weitermachen wie bisher. Denn es sei der Gott, der ihn auffordere, sein Leben der Wahrheitsforschung sowie der eigenen Prüfung und der Prüfung der anderen zu widmen. Er werde fortfahren, die Leute zu befragen und zur Rede zu stellen, wenn sie sich einbildeten, etwas zu wissen, was sie nicht wüßten, und wenn sie die Sorge um Materielles höher stellten als das Wohl der Seele. Er glaube, dieser Stadt sei niemals ein größeres Glück beschert worden als dieser seiner dem Gott geweihter Dienst. Es brauche jemanden, der das edle und große, dadurch aber auch träge Roß der Stadt Athen ansporne, er, Sokrates, sei diese Stechfliege: »So hat denn der Gott mich der Stadt beigegeben als einen Mann, der nicht müde wird euch zu wecken, zu mahnen, zu schelten, kurz, der den ganzen Tag euch überall auf dem Nacken sitzt.« (Beim Zeus, nun werden sie ihn nur schon deshalb hinrichten, um ihre Ruhe zu haben!)

Er fürchte sich nicht vor dem Tod, sagt der Angeklagte. (Meine Güte, wenn man hört, wie er sich »verteidigt«, dann ist man geneigt ihm zu glauben.). Und er wisse, daß diese Rede die Richter vielleicht eher blutrünstig als milde stimmen werde, denn viele würden es vorziehen, ihr Leben zu verschlafen, ohne durch eine nervige Stechmücke aufgeweckt zu werden. Damit tritt er ab.

Die Richter ziehen sich zur Beratung des Urteils zurück. Aus dem Publikum hört man Sprechchöre, »Tod dem Sokrates!«, nur unterbrochen durch einzelne Zwischenrufe: »Laßt den Clown leben! Er hat Unterhaltungswert!«. Sokrates Freunde gehen auf ihn zu und umarmen ihn, es sieht nicht so aus, als gratulierten sie ihm zu seiner Rede. Sie wirken ziemlich betrübt. Nur Platon schaut so, als müsse er ein verschmitztes Lächeln unterdrücken und könne nur mühsam seine »Die-Lage-ist-ernst«-Miene aufrechterhalten. Merkwürdig. Den Typen muß ich im Auge behalten.

 

3 Urteilsverkündung

Die Richter kehren in die Heliaia zurück. Das Stimmengewirr im Publikum ebbt ab, als der Archon Basileus verkündet: »Das athenische Volksgericht hat mit 281 zu 220 Stimmen geurteilt: Der Angeklagte wird der Gottlosigkeit und Verderbnis der Jugend für – schuldig befunden. Die beantragte Strafe ist: der Tod.«

Im Gerichtssaal ist es still. Mir ist, als ob Anytos, der Anführer der drei Ankläger, sich umdrehe, er sucht die Freunde des Sokrates, und – bleibt sein Blick nicht auf Platon haften? Kann es sein, oder scheint es mir nur, daß Platon kaum merklich nickt?

Sokrates lächelt und schlendert seelenruhig zum Rednerpult. Platon blickt zu Boden.

 

4 Gegenantrag des Angeklagten

Der Angeklagte darf nach der Verurteilung, wie es die Gesetze vorschreiben, einen Gegenantrag zur geforderten Strafe stellen. Sokrates zeigt sich ungerührt: Das Urteil hat er erwartet. Was solle er, fragt er rhetorisch, für einen Gegenantrag zur Todesstrafe stellen? Offenbar doch den Antrag auf verdiente Strafe. Was habe er für eine Strafe verdient, für seinen Dienst an der Stadt unter so großen Opfern, für sein unablässiges Bemühen, jedem einzelnen Bürger die größtmögliche Wohltat zu erweisen und zu seiner sittlichen und seelischen Bildung und somit zu seinem Glück beizutragen? Er persönlich glaube, er müsse dafür belohnt werden, und zwar fordere er öffentliche Speisung auf Lebenszeit im Rathaus, im Prytaneion, genau das also, was die Sieger der Olympischen Spiele erhielten. Das sei eine Idee seines Freundes Platon, die er ganz hervorragend finde. Er habe nämlich viel mehr für das öffentliche Wohl geleistet als irgendein Leichtathlet. Hier ist aus dem Publikum lautes Geschrei zu vernehmen: »Ist der völlig wahnsinnig!« »Gahts no?« Das ist die höchste Ehrung, die man einem athenischen Bürger verleihen kann! Der Mann ist von Sinnen! Kriton, einer der Freunde des Sokrates, schreit ganz verzweifelt: »Schweig, edler Sokrates, um Deiner und um derer willen, die dich lieben! Noch kannst du dich retten!« Platon aber setzt nach: »Ganz richtig, Meister, jawoll!« Er habe nichts hinzuzufügen, sagt Sokrates und kehrt, von einem Pfeifkonzert begleitet, an seinen Platz zurück.

 

5 Verkündigung des Strafmaßes

Die Richter sind nach der Beratung wieder im Saal, der Archon Basileus verkündet: »Das athenische Volksgericht hat über das Strafmaß geurteilt: Es befindet auf Tod durch Gift.« Hier bricht das Publikum in Jubel aus. Nur der Angeklagte, ich muß jetzt sagen, der Verurteilte, erhebt sich und beginnt gemessen, die Richter zu beschimpfen. (Naja, jetzt kommt es nicht mehr darauf an.) Nur kurze Lebenszeit hätten sie ihm durch sein Urteil geraubt, er sei ein alter Mann, dem Tod näher als dem Leben, aber er prophezeie der Stadt Athen, sie werde traurige Berühmtheit erlangen, weil sie einen Mann wie ihn hingerichtet habe. Im übrigen wolle er sich bei denjenigen Richtern bedanken, die für ihn gestimmt hätten, außerdem für die Unterstützung durch seine Freunde, und last but not least danke er Platon, der ihm für sein Erscheinen vor Gericht und die Verteidigungsrede viele sehr nützliche Anregungen gegeben habe. »Aber nun«, schließt Sokrates, »ist es Zeit, daß wir gehen, ich um zu sterben, ihr um weiter zu leben. Wer von uns beiden dem besseren Lose entgegengeht, das ist allen verborgen, nur der Gottheit nicht.«

 

Diese Danksagung macht mich jetzt stutzig. Platon kennt sich mit den politischen Gepflogenheiten doch viel zu gut aus, er mußte doch wissen, daß Sokrates mit so einer Verteidigung geradewegs ins Messer laufen würde. Ist Platon genauso übergeschnappt? Da hat er seinem Freund einen Bärendienst erwiesen. Es sei denn... Nun fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Natürlich! Alles paßt zusammen! Platon, der mit Anytos und Lykon tuschelt.... Seine Klagen über die Einschränkungen seiner schriftstellerischen Freiheit... Sein sonderbares Verhalten während der Verhandlung… Er war es, der die drei Kläger zur Anzeige angestiftet hat! Er wußte genau, daß es bei der jetzigen politischen Situation (die Demokraten sind noch ziemlich nervös und machen Stimmung gegen die Feinde der demokratischen Rechts- und Götterordnung) sofort zur Anklage kommen würde. Außerdem war ihm klar, daß Sokrates, allein durch seine Wesensart, die Richter nachgerade zu einer Verurteilung nötigen würde! Platon mußte gar nichts weiter tun, als ihn auf diesem Weg zu bestärken! Platon wollte Sokrates aus dem Weg räumen, und es ist ihm gelungen! Ganz schön gerissen, der Bursche: Man wird ihm nie etwas nachweisen können, schließlich war es ja ein korrektes Verfahren des athenischen Volksgerichts... Nun kann Platon ungestört seine Dialoge schreiben, nun kann er dem Sokrates in den Mund legen, was er will! Und das Beste, ich kann es mir geradezu plastisch vorstellen: Wenn sich der Staub, der hier aufgewirbelt wurde, gelegt hat, werden es die Bürger von Athen noch bereuen, daß sie ihr Stadtoriginal zum Henker geschickt haben. Es wird ihnen langweilig werden auf den Plätzen von Athen – sie werden ihn vermissen! Und Platons Bücher werden weggehen wie warme Semmel! Armer Sokrates, jetzt wartet der Giftbecher auf ihn...

Aber diese Geschichte ist doch eine riesengroße Sauerei. Ich muß unverzüglich zum Archon Basileus und ihm das melden...

Oh, hallo Platon.

 

 

Meine Damen und Herren, hier bricht unser Dokument ab. Von einem Gerichtsschreiber namens Aiantodoros wissen die Urkunden von da an nichts mehr. Ob sein Protokoll je zu seinen Vorgesetzten gelangte? Vielleicht wird die Forschung Licht in die Angelegenheit bringen. Ich sehe schon die Flut an Dissertationen und Habilitationen, die auf uns zukommt. Aber, meine Damen und Herren, eins ist bereits klar: die gesamte Geschichte der Philosophie muß umgeschrieben werden, vor allem dann, wenn sie sich als eine Reihe von Fußnoten zu Platon versteht. Die Folgen sind unabsehbar.

Was auch bekannt ist: wie es mit Sokrates weiterging. Zu Ende nämlich. Seine Freunde wollten ihm zur Flucht verhelfen (Platon war an diesem Plan auffälligerweise nicht beteiligt), doch Sokrates weigerte sich. Und trank schließlich im Gefängnis den Becher mit Gift. In diesem Sinn:

Leeren wir die Schierlingsbecher auf Sokrates! – und auf Platon!

Prost!

 

Margaux de Weck, September 2006